Tag 35. Von Moroges nach St. Gengoux-le-National

Am 19.09.2012

Strecke 19 Km (Gesamt 860 Km)

 

Gestern Abend ist es ganz schön spät geworden. Dennoch wachte ich, wie immer, recht zeitig auf. Trotz des vielen Weins hatte ich kein bisschen Kopfweh. Ich hob meinen Kopf und schaute durch das dicht über dem Fußboden befindliche Fenster. Ein tolles Morgenrot lag über der Stadt Chalon-sur-Saone.

Ich stand auf und packte schnell meine sieben Sachen in den Rucksack. Mir fiel ein, dass ich gestern Abend noch das Etikett meiner Weinflasche ablösen wollte, was ich auch noch schnell erledigte. Danach verließ ich meine Unterkunft, in der ich die regnerische Nacht so gut verbracht hatte.

Zwangsläufig musste ich am Häuschen des Herr Duniault vorbei. Hier waren die Schlagläden bereits geöffnet und in der Küche brannte Licht. Herr Duniault hatte mir angeboten, morgens noch einen Kaffee bei ihm zu trinken. Da ich nicht ohne Verabschiedung gehen wollte, klingelte ich an. Herr Duniault brühte mir eine große Tasse schwarzen Kaffee auf.


Als besonderen Service drückte mir Herr Duniault noch den Kirchenstempel in meinen Pilgerausweis. Er warf sein Notebook an und zeigte mir die Wetteraussichten für den heutigen Tag. Es sollte sehr schön werden und mindestens bis Samstag nicht mehr regnen.             Um 08:00 h verabschiedete ich mich dann endgültig von meinem Wohltäter und machte mich auf den Weg.


Am Ortsausgang von Moroges gab es das einzige kleine Geschäft des Ortes in Form einer Bäckerei. Hier besorgte ich mir zwei Croissants, die ich beim Weitergehen aß.

Ab Moroges konnte ich der guten Beschilderung des  Wanderweges GR76 bis nach Cluny folgen. Ein Hinweis- schild wies eine Reststrecke von 40 Km bis dorthin aus. Das sollte an den zwei verbleibenden Tagen zu locker schaffen sein.

Wie das Internet es versprochen hatte, lösten sich die Reste der nächt- lichen Regenwolken auf. Die Sonne kam hervor und es wurde schnell deutlich wärmer.

Mein Weg führte auf ein riesiges Hochplateau, auf dem ich mehrere Stunden vor mich hin wanderte. Zu meiner Linken tolle Ausblicke auf die Saone - Ebene, die aber wie immer leicht im Dunst lag.

Die ersten 12 Kilometer verschwanden heute förmlich unter meinen Füßen und zügig erreichte ich Montagny-les-Buxy. Schon bald hinter dem Ort gelangte ich an eine sehr idyllische Weggabelung.

Ich legte eine kurze Rast ein und genoss den schönen Ort. Obwohl es in der Wegbeschreibung erwähnt war, hätte ich hier beinahe ein besonderes Detail übersehen. An dem Steinkreuz hatte der Bildhauer eine große Weinbergschnecke heraus gearbeitet, die in statischer Langsamkeit am Kreuz empor kriecht. Nachdem ich die Schönheit dieses Ortes ein paar Minuten lang in mich aufgesogen hatte, setzte ich meinen Weg fort.

Bereits nach einigen hundert Metern sollte es noch schöner kommen.

Ich erreichte eine kleine, gepflegte Wiesenanlage, an deren Ende eine stattliche Mariensäule aufgestellt war. Die Marienfigur blickte hinab in die Saone – Ebene. Unterhalb der Säule gab es ein kleines
Plateau, ab dort ging es dann fast senkrecht ca. 100 m hinab bis auf das Niveau der Ebene.

Da ich sehr, sehr gut in der Zeit lag, entschloss ich mich spontan hier nochmals eine längere Pause einzulegen. Dieser Platz strahlte irgendetwas Magisches aus.

Hier war ich glücklich und zufrieden mit mir und der Welt. Irgendwann beendete ich schweren Herzens meine Pause und ging weiter.

Bereits um 14:00 h erreichte ich den Ortseingang von St. Gengoux le-National mit den Über- bleibseln seiner ehemaligen Stadt- befestigung.

Da ich mit Herrn Lacroix vereinbart hatte, dass ich erst um 16:00 h vor Ort sein würde, hatte ich jede Menge Zeit, die ich zu einem ausgiebigen Stadtrundgang nutzte. Ich musste feststellen, dass es in dem Örtchen wunderschöne Gassen und Ecken gab, in denen die Zeit wirklich stehen geblieben war.

Es gab dort aber auch eine gut 100m lange Straße, die „Grand Rue“, die mit ihrem Baumreihen und den kleinen Geschäften und Gaststätten links und rechts einen echt südländischen Flair versprühte. Ich setzte mich auf die Terrasse eines Restaurants und bestellte ein Bier vom Fass. Kaum dass es auf dem Tisch stand, kamen auch schon Moni und Thomas um die Ecke und gesellten sich zu mir.  Natürlich tauschten wir sofort die Erlebnisse der vergangenen Tage aus.

Dann war es auch schon 16:00 h und ich suchte Herrn Lacroix auf. Ich traf ich ihn nicht selbst an sondern seine Ehefrau. Die war natürlich über mein Kommen informiert. Sie führte mich durch die engen Gassen von St. Gengoux und blieb letztendlich vor einer Haustüre stehen, die mit einer Jakobsmuschel gekennzeichnet war.

Die Tür gehörte zu einem alten Haus. Eine steile Treppe führte hinauf in den zweiten Stock. Hier lag mein Zimmer mit seiner antiquarischen aber dennoch schönen Einrichtung.

Nach einer kurzen Dusche wechselte ich meine Kleidung. Danach ging ich wieder in den Ort, wo ich erneut auf Moni und Thomas traf. Gemeinsam erkundeten wir die Stadt und machten einige Besorgungen. Im Informationsbüro erhielten wir einen schönen Stempel für unsere Pilgerausweise. Langsam wurde es Abend und wir beschlossen, gemeinsam etwas Essen zu gehen.

Wir fanden die kleine Pizzeria „Pili Pili“, die von einem jungen Franzosen im Alleingang bewirtschaftet wurde. Die fertigen Pizzen mussten an der Theke abgeholt werden. Die Getränke besorgte man sich selber aus dem Kühlschrank, der im Gastraum stand. Der kleine Laden hatte Charme und strahlte Gemütlichkeit aus. Wir haben an dem Abend viel gelacht und hatten unseren Spaß. Ich erfuhr, dass Thomas Beamter beim Ordnungsamt ist und Moni in einer Klinik für Nervenkranke arbeitet.

Nach dem Essen machten wir noch einen gemeinsamen Stadtrundgang bei Dunkelheit. Danach verabschiedeten wir uns. Wir wünschten uns gegenseitig einen guten Weg. Der Abschied von den Beiden lebensfrohen und liebenswerten Menschen fiel mir ein wenig schwer.

 

Ich hoffe, dass ich sie irgendwann mal irgendwo wiedersehe.

 

Wieder wurde es bei Dunkelheit ziemlich schnell kühl und ich suchte meine Unterkunft auf, die mir der unvergleichliche Herr Duniault bereits am Vortag verschafft hatte. In meinem Zimmer öffnete ich das Fenster, um frische Luft hinein zu lassen. Welch ein toller Ausblick. Die seltsame Kirche mit ihrem doppelten Turm lag zum Greifen nah direkt gegenüber und über Dächer hinweg konnte ich in den beleuchteten Stadtkern sehen.

Ich öffnete eine Flasche Wein, machte mir ein paar Notizen zum Tag und studierte die Weg- beschreibung für den morgigen Tag. Demnach sollte es wieder bergauf und bergab gehen. Auf einem schmalen Pfad sollte mich der Weg durch einen dicht bewachsenen Wald führen.

Was mich jedoch am meisten störte, war die Tatsache, dass man einen Bauernhof passieren musste, auf dem der Hofhund seinen Job sehr gründlich machen soll. Als Alternative wurde angeführt, mehrere hundert Meter zurück zu laufen, um den Hof auf einer Landsstraße zu umgehen.


Eigentlich wollte ich am morgigen Tag die Nachmittagsstunden dazu nutzen, Cluny ein wenig näher anzusehen.  Ich spielte auch immer noch mit dem Gedanken, eine Stippvisite in Taizé einzulegen.


Ich erinnerte mich daher an die Idee von Thomas, über einen Radweg, den „Voie verte“, nach Cluny zu gehen. Dieser führte direkt an Taizé vorbei, war eben, und an meinem letzten Tag wäre hierdurch die Gefahr des Verlaufens nicht gegeben. Ich würde gut voran kommen und genug Zeit in Cluny verbringen können.


In meinem Zimmer und der dazugehörenden Gemeinschaftsküche suchte ich nach entsprechenden Unterlagen. Ich fand einen Stadtplan von St. Gengoux, auf dem ich sehen konnte, wie man den „Voie verte“ erreicht.  Der Rest würde sich dann schon finden. Mein Entschluss stand damit fest und ich fiel in einen tiefen, erholsamen Schlaf.