Tag 40. Von Le Cergne nach Briennon

Am 04.09.2013

Strecke 27 Km (Gesamt 982 Km)

Ich hatte in meinem Zimmer sehr gut geschlafen. Ein erster Blick aus dem Fenster versprach erneut einen sonnig-heißen Tag. Meinen Rucksack hatte ich bereits am Vorabend bis auf das Notwendigste gepackt.

 

Als erster Hotelgast saß ich im Essenssaal und genoss ein umfangreiches Frühstück mit Schinken und Wurst, Käse, frischem Obst, Joghurt, Obstsäften und starkem Kaffee.

Um 08:15 h verließ ich das Hotel, überquerte die Straße, um auf einem Weg mit starkem Gefälle aus              Le Cergne hinauszugehen. Von hier aus konnte man bereits bis in die Loire-Senke bei Roanne und am Horizont den Gebirgszug des Forez sehen.

Schnell wurde der Weg flacher und schon sehr bald erreichte ich die Kapelle am Kalvarienberg. Direkt hinter der kleinen Kirche führte der Pfad wieder in den Wald, wo ich auf einem üblen, mit Geröll und Wurzelwerk durchsetzten Weg steil bergab gehen musste.

Nach Verlassen des Waldes ging es durch eine liebliche Landschaft nach Arcinges und weiter bis Pont de Mars. Endlich war der Blick in die Landschaft nicht mehr durch dichten Wald verstellt und der Blick konnte in die Ferne schweifen.

Die im Outdoor-Buch beschriebene Möglichkeit, dass in Pont de Mars       „…völlig erschöpfte Pilger im Wohnwagen der Epicerie-Betreiberin Unterschlupf finden“, würde ich selbst nur ungern in Anspruch nehmen wollen. Zweifels ohne ist sie eine sehr freundliche Person. Sie fing mich vor ihrem Geschäft ab und beschrieb mir in deutsch / englisch / französischer Sprache eine Abkürzung entlang der Straße, da auf dem ausgeschilderten Weg Forstarbeiten ausgeführt wurden.

 

Die Epicerie selbst ist eine Mischung aus Bar-, Tabakwaren-, Lebensmittel-, Campingbedarfs- und Antiquitätengeschäft, in dessen näherem Umfeld es aussieht wie auf einer ungeordneten Wertstoff- deponie bzw. auf einem Schrottplatz. Überall lagen ungeordnet Getränkekisten, Plastikflaschen, Obststeigen und anderer Unrat herum. In einem offenen Kamin am Haus schwelte ein kleines Feuer und verbreitete einen fürchterlichen Gestank und etwas weiter entfernt zerfielen altersschwache Lkw, Container und auch Wohnwagen am Waldrand. Alles dort macht einen sehr, sehr schmuddeligen Eindruck.

Hinter dem Örtchen Mars gibt es erneut einen heftigen Anstieg, der jedoch aufgrund von Teer- / Feldwegen gut zu bewältigen ist. Oben angekommen, hatte ich einen tollen Blick zurück auf Mars und die Landschaft, die ich am heutigen Morgen schon durchwandert hatte.

In die andere Richtung blickte man über das Loiretal bei Roanne. Locker lief ich talwärts, so locker, dass ich die Wegkennzeichnung verlor. Nach kurzer Orientierung hielt ich mich an eine Landstraße, die der beschriebene Weg zwangsläufig kreuzen musste. Nach 1,5 Km fand ich an der „Pont du Pierre“ die Muschelzeichen wieder.

Über eine schöne alte Steinbrücke erreichte ich bald Charlieu. 

 

 

 

Standesgemäß waren in der Mittagszeit wieder alle Geschäfte und sogar die Tourist-Info geschlossen. Bei einem kühlen Bier wartete ich darauf, dass die Info um 14:00 h wieder öffnete, um mir den ersehnten Stempel abzuholen. Bei dieser Pause fiel mir wieder das ältere Pilgerpaar auf, welches ich schon in Cluny gesehen hatte.

Auf dem Platz vor der großen Kirche herrschte hektisches Treiben. Es wurde eine Kirmes aufgebaut. In der durchaus sehenswerten Kirche befanden sich hinter dem Chorgestühl alte Malereien mit der Darstellung der Apostel, darunter natürlich auch die des Jakobus.

Innerhalb der Stadt führte die weitere Strecke an der weitläufigen ehemaligen Abtei vorbei, um dann direkt hinter Charlieu auf einer frisch geteerten Straße steil bergan zu führen.

Später am Tag holten mich die Niederländer ein. Gemeinsam liefen wir etwa zwei Stunden bis zu deren Tagesziel Sous-Poullly-de- Charlieu. In ihrer Gruppe war abgesprochen, dass an jedem Tag abwechselnd Einer für die Ausarbeitung und Streckenführung verantwortlich war und ein Anderer Tagebuch führen musste. Eigentlich eine gute Idee. Zur Belustigung aller lief der heutige Fährtensucher die ganze Zeit mit seiner aufgeschlagenen Wanderbeschreibung und Landkarte hinter der Gruppe her.

Wir trennten uns in Sous-Poully-de-Charlieu. Dort schossen wir noch ein Erinnerungsfoto von den „Jongens“ und mir.

Ich ging noch zwei Kilometer weiter bis nach Briennon, wo ich erstmals die Loire überquerte.

Dort fand ich mein kleines, schäbiges und in die Jahre gekommenes Hotel an der Haupt- straße. Wie man sich täuschen kann. Als ich in der Wander- beschreibung vom „Le Relais du Canal“ las, stellte ich mir eine gemütliche Unterkunft an einem der zahlreichen französischen Kanäle vor. Tatsächlich lag mein Hotel an der Hauptdurchgangsstraße der Stadt und ein Kanal war nicht einmal aus dem Fenster zu sehen.

Die Zimmereinrichtung war abgewohnt und machte einen nicht gerade vertrauenserweckenden Eindruck. Irgendwie hatte ich das Gefühl, ich müsse alle meine Sachen aufhängen oder zumindest hochstellen. Das Highlight des Zimmers bestand aus einer türlosen, abgemauerten Ecke mit Duschtasse, Waschtisch und dem Toilettenbecken.

An dieser Stelle möchte ich allen Pilgerfreunden, die in Briennon Rast machen wollen, den Hinweis geben, dass es direkt am Ortseingang (nach Überquerung des Kanals das erste Haus links) eine Gitê gibt, welches zumindest von außen einen gepflegten Eindruck macht. 

Nachdem ich mein Zimmer bezogen hatte, ging ich auf eine Orts- erkundung und kaufte im nahegelegenen Supermarkt ein paar Sachen fürs Abendbrot ein. Obwohl es schon kurz vor 19:00 h war, war es immer noch beachtlich warm.

An einer kleinen Hafenanlage kühlte ich meine Füße im Wasser und beobachtete winzige Fischchen, die an den Hautschuppen meiner Beine herumknabberten.

Wieder im Hotel angekommen, aß ich zu Abend. Ich beobachtete noch eine ganze Weile aus dem Hotelfenster den Verkehr auf der Straße. Bei einem Schluck Rotwein schrieb ich meine Gedanken zum Tag auf und informierte mich über den Weg des Folgetages. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch ging ich, in meinen Seidenschlafsack gehüllt, zu Bett.