Tag 55. Von Aumont-Aubrac nach Nasbinals

Am 16.09.2014

Strecke 27 Km (Gesamt 1327 Km)

Gemeinsam mit zwei Pilgerinnen aus Frankreich frühstückten wir an dem liebevoll gedeckten Tisch in der Gemeinschaftsküche der Unterkunft. Danach packte ich meine Sachen zusammen und verließ um 07:50 h die Herberge.

Direkt vor der Haustüre traf ich auf Ebby und Alain, die sich auch gerade auf den Weg gemacht hatten. Wir unterhielten uns ein wenig und schnell merkte ich, dass die Beiden eine für mich angenehme Marschgeschwindigkeit hatten. Das heißt, Ebby hatte eine schöne Marschgeschwindigkeit. Alain ist begeisterter Fotograf und trug eine  ziemlich professionelle, digitale Spiegelreflexkamera in einem Kameragürtel vor dem Bauch, wie er immer sagte, sein "Bustenhalter".

Ebby hatte sich im Laufe ihrer langjährigen Freundschaft bereits dem Schicksal ergeben, dass Alain immer schnell zurückfiel. Er meinte nur ironisch "Alain fotografiert jedes Blümchen, jeden Zaunpfahl, alle frisch gepflügten Äcker und alles andere auch". Tatsächlich hatte Alain am fünften Wandertag schon weit über 1000 Fotos auf seiner Speicherkarte. 

Alain, danke für die Bereitstellung dieses Bildes
Alain, danke für die Bereitstellung dieses Bildes

Zusammen mit Ebby stapfte ich voran in einen erneut nebeligen Morgen der durchaus das Prädikat "märchenhaft" verdient hatte.

Auch ich gewöhnte mich schnell daran, alle zwei, drei Kilometer ein paar Minuten zu verharren, bis Alain wieder aufschloss.

Wie schon an den Tagen zuvor löste sich die "Waschküche" mit höher stehender Sonne binnen weniger Minuten auf. 

Die Landschaft hatte sich verändert. Von den großen Wäldern, wie es sie rings um die Domaine Sauvage gab, sah mein keine Spur mehr. Es gab nur noch wenige Baumgruppen, meist Nadelgehölz entlang der Wege. Ansonsten hatte die Gegend hier einen eher heideähnlichen Charakter.

Doch selbst der Heidegürtel lag schnell hinter uns. Vor uns erstreckten sich riesige Weideflächen mit grün-braunem Gras. Sofort kam der Begriff "Prärie" in den Sinn.

Oder aber, aufgrund der unendlichen, gestapelten Steinmauern eine Land-schaft in Irland oder Schottland

Nach dem nebeligen Morgen brannte die Sonne in dieser Karstlandschaft in der Mittagszeit erbarmungslos. So waren wir froh, dass es in Finieyrols eine kleine, private Gartenwirtschaft links des Weges gibt. Der tiefenentspannte und freundliche, junge Betreiber serviert aus der Gartenlaube heraus mit seiner Frau neben Kaffee und Kuchen auch Bier, Alkoholfreies und herzhafte Tartes aus eigener Herstellung. Der eine oder andere Liegestuhl steht hier im Vorgarten für eine kleine Pilgerrast bereit.

Im Garten traf ich erneut auf Barbara, Marc und Csaba. Letzterer klagte schon über seine ersten Blasen an den Füßen.

Nach der kurzen Pause ging es weiter

durch die Savannen-Landschaft.

Nur durch einen mickrigen Stachel-drahtzaun getrennt, passierten wir einen eher unfreundlichen Zeit-genossen, mit dem man lieber keinen Ärger haben möchte.


Aber auch einen monumentalen Stein, der wie von einer Axt gespalten in zwei Teile zerlegt war.

Im weiteren Verlauf mündeten die Trampelpfade in einen schmalen

Teerweg der sich durch die atemberaubende Landschaft wand.

Erst in den Folgetagen sollte ich erfahren, welches Glück mir widerfahren war. Im Gespräch mit anderen Pilgern und Wanderfreunden erfuhr ich,  dass die meisten von ihnen diese in gut 1000 - 1200 m gelegene Hochebene nur im Regen erlebt hatten. 


Gegen 17:00 h erreichten wir den kleinen Ort Nasbinals. Hier sollten sich unsere Wege erst einmal trennen. Ebby und Alain hatten eine andere Unterkunft gebucht als ich. Wir verabschiedeten uns, wohl wissend, dass wir uns bald wiedersehen würden.

Ich hatte mich im empfehlenswerten, da sauberen, "gîte communal" angemeldet.

Besser gesagt, ich hatte mich von einer lieben Kollegin aus der Heimat, die sehr gut französisch spricht, im Gîte anmelden lassen. Bei der telefonischen Buchung und der Bestätigung per Email ist dann offen- sichtlich etwas schief gelaufen. So wurde im Dortoir No. 1 nicht nur ein Bett für mich freigehalten, sondern auch eines für meine Kollegin aus dem fernen Wuppertal. Der kleine Fehler ließ sich aber zum Glück schnell beheben.

Nach einer erfrischenden Dusche und einem dringend erforderlichen Kleidungswechsel ging ich ins Dorf, wo ich vor einer Gaststätte auf Barbara, Marc und Csaba traf. Zu ihnen hatten sich noch die jungen Franzosen Eva, Constant und Bastien gesellt. Auch der Franzose Daniel, der wie ich, meistenteils alleine lief, und den ich bereits einige Male gesehen hatte, saß mit am Tisch. Bei Bier und Rotwein vertrieben wir uns die Zeit bis zum Einbruch der Dunkelheit und hatten viel Spaß dabei. Sobald die Sonne niedriger stand, wurde es empfindlich kühl. 

In der geselligen Runde fiel der Entschluss, dass wir heute Abend

gemeinsam Essen gehen sollten. Schließlich ist das Aubrac bekannt für das "Aligot", einem Kartoffelbrei der zusammen mit Tomme-Käse und Knoblauch angerührt wird. Eine sehr zähe doch schmackhafte und extrem sättigende Masse.

Im ausgewählten Restaurant stand als Tagesgericht Aligot, ein Steak vom Aubrac-Rind in Pilzrahm, Salat, ein Dessert und Rotwein für unschlagbare 19 Euro auf der Karte. Das Essen war ein Genuss und selbst der allerletzte Tropfen Soße wurde mit Weißbrot vom Teller aufgetunkt.