Tag 63. Von Cajarc nach Varaire

Am 25.09.2014

Strecke 25 Km (Gesamt 1520 Km)

Ich hatte, unter diesen Umständen verständlicher-weise, nicht sehr gut geschlafen. Um kurz vor 06:00 h wurde ich wach. Im Tal des Lot hatte sich dichter Nebel gebildet.

Dementsprechend kühl und klamm fühlte sich mein Schlafsack an. Einer meiner ersten Blicke fiel auf die grellgrüne Neonwerbung einer nahen Apotheke. Neben dem heutigen Datum war dort abzulesen, dass es nur vier Grad warm war. Ich schälte mich aus dem Schlafsack und packte meinen Rucksack. Ich legte die Jacke des freundlichen "Clochards" neben seine Bank. Bedanken konnte ich mich nicht, denn er schlief noch tief und fest. Sein Hündchen wurde wach und beobachtete mein Tun. Er schlug aber nicht an und wedelte nur freudig mit dem Schwanz. Ein echt kluges Tier.  

Ein wenig steif und völlig durchgekühlt machte ich mich im Morgengrauen auf den Weg. Ich war froh, dass in der frühen Stunde schon eine "Bar Tabac" geöffnet hatte. Hier bekam ich heißen Kaffee und nach der dritten Tasse wurde mir auch allmählich wieder warm.

So stapfte ich in den nasskalten Morgen. Ich war immer noch müde aber schon bald sollte ein kurzer, kräftiger Anstieg des Weges meine Lebensgeister wecken.

Nach einem ersten, steilen Anstieg ging es sanfter, aber dennoch stetig bergauf. Wie schon in den letzten Tagen führte der GR 65 in seinem weiteren Verlauf über einen Höhenrücken durch die Causses.

Ich fühlte mich nach der harten Nacht irgendwie völlig zer-schlagen und hatte für die Schönheiten entlang des Weges heute keinen besonderen Blick.

Die Landschaft wurde immer karster und steiniger, jedenfalls empfand ich es so. Übermüdet trottete ich den Weg entlang und meine Gedanken kreisten um die Bettwanzenepisode der letzten Nacht. Was wäre, wenn ich mir welche eingefangen hätte. Immerhin hatte mich im Laufe der Nacht keine gebissen, was aber auch an der Kälte auf der Betonplatte gelegen haben könnte. Und ob sich das eine oder andere Exemplar in meinen Rucksack verirrt hatte, blieb erst einmal unklar. 

Auf Wegen unterschiedlicher Güte ging es auf der Höhe abermals ohne größere Anstrengungen vornehmlich durch Eichenwälder und entlang der allgegenwärtigen Steinmauern. Ich war heute dankbar, dass mich an einigen Stellen individuelle Wegweiser daran erinnerten, dass ich mich auf dem richtigen Kurs befand. 

In den frühen Nachmittagsstunden hatte ich den Ort Limogne erreicht. Mittlerweile war die bleierne Müdigkeit gewichen. In einem Straßencafé legte ich bei einer großen Tasse Kaffee eine Pause ein. Gegenüber des Cafés gab es eine Drogerie und schlagartig hatte ich einen Plan. Die nächste Übernachtung würde ich  in einem Gîte unter einer Wolldecke in meinem dünnen Seidenschlafsack verbringen. Der war in einer Plastiktüte verpackt gewesen und dürfte damit mit einiger Sicherheit nicht von Bettwanzen befallen sein. Im übernächsten Zielort, Cahors, hatte ich von vorne herein einen Ruhetag eingeplant. Dort wollte ich mir ein günstiges Hotelzimmer für die zwei Nächte buchen. Ich plante meinen Rucksack und Schlafsack in der Duschkabine mit einem Insektizid zu behandeln. Noch im Straßencafé sitzend machte ich ein Hotelzimmer in Cahors klar. Im Anschluss kaufte ich In der Drogerie eine große Spraydose mit einem Insektengift.

Zufrieden mit meinem Plan setzte ich meinen Marsch fort und hatte nun auch wieder einen Blick für die Kleinigkeiten am Wegesrand.

Um 17:00 h erreichte ich mein heutiges heutiges Tagesziel in Varaire. Ich hatte mich im Gîte

"Clos des Escoutilles" angemeldet, da man dort, wie könnte es anders sein, Englisch sprach. Dort erst einmal angekommen war meine Verwunderung groß. Die Betreiber Robert & Mariette kamen aus den Niederlanden und empfingen mich in deutscher Sprache. 

Robert lud mich ein, im Vorgarten des Hauses Platz zu nehmen, und bot mir zunächst eine Flasche Bier an.

 

Sehr bald fragte er nach, wo ich zuletzt übernachtet hatte. Nachdem ich ihm den letzten Übernachtungsort genannt hatte, warf er meinen erst vor drei Stunden gefassten "Desinfektionsplan"

über den Haufen.

 

Zwei Amerikanerinnen, die ebenfalls im "gîte communal" in Cajarc übernachtet hatten, waren vor mir in Varaire angekommen. In ihrer Unterkunft führten sie Beschwerde über die Bettwanzen in Cajarc. Die Nachricht ging unter den Vermietern in Varaire um, wie ein Lauffeuer.

 

Robert bot mir an, mich kostenlos mit Bettwäsche auszustatten. Meinen Schlafsack, meinen Rucksack und meine Kleidung verpackte er, nachdem er sie mit einer übel riechenden Flüssigkeit besprüht hatte, in drei große Plastiksäcke, wo sie die Nacht über verblieben. Ich möchte nicht wissen was das für ein Zeugs war, aber allein der Geruch sprach eher für den "schwarzen Umweltengel". Vermutlich wäre dieses Mittel in Deutschland nicht einmal zugelassen.

Der Hausherr erkundigte sich, wer noch im Schlafsaal des Gîtes in Cajarc geschlafen hatte. Ich nannte ihm die Namen meiner Zimmergenossen der letzten Nacht, Bernhard und Christoph.

 

Nach einer ausgiebigen Dusche ging ich los, um den kleinen Ort zu erkunden. 

Außer einem alten, schön anzusehenden Waschplatz gab es keine weiteren Sehenswürdigkeiten in dem kleinen Örtchen. So setzte ich mich auf die Terrasse des einzigen Restaurants und genoss bei einem Gläschen Rotwein die letzten wärmenden Sonnenstrahlen des heutigen Tages. Ich war war froh, dass dieser Tag, der so mies begann, doch noch sein schönes Ende fand.

Nach dem kleinen Sonnenbad ging ich wieder zurück zu meiner Unterkunft. Bei meinem Eintreffen stellte ich in mich hineingrinsend fest, dass weitere gefüllte Plastiksäcke neben den Säcken mit meiner Habe standen. Bernhard und Christoph waren wohl eingetroffen.

 

An dieser Stelle möchte ich, aufgrund meiner Erfahrungen, den mir nachfolgenden Pilgern und Wanderern das "Clos des Escoutilles" ans Herz legen. Neben den freundlichen, engagierten Betreibern und dem angenehmen Ambiente bietet es blitzsaubere Unterkünfte und Sanitäreinrichtungen. Das Angebot wird abgerundet durch eine große Gemeinschaftsküche, die in ihrer Ausstattung keine Wünsche übrig lässt. 

Robert & Marielle bieten aber auch Halbpension an, von der ich Gebrauch gemacht habe und dabei nicht enttäuscht wurde.

Zunächst gab es eine passierte Zucchinisuppe. Als Hauptgericht servierte Marielle eine selbst zubereitete Pizza mit Muscheln. Eine angefrostete Quarkspeise, in die zuvor zerbröckelte Gebäckstücke eingerührt wurden, bildete den Abschluss. Natürlich wurde auch Rotwein und Wasser gereicht. Das Essen war sehr schmackhaft und mengenmäßig absolut ausreichend.  

 

Wie ich beim gemeinsamen Abendessen erfuhr, arbeiteten Robert & Marielle in ihrer Heimat in gut dotierten Berufen. Mit 50 Jahren hatten sie gemeinsam das Gefühl, noch einmal etwas ganz Anderes in ihrem Leben beginnen zu müssen und kamen so nach Frankreich. Von der Entschlussfassung bis zur Umsetzung des eigenen Gîtes sind nur wenige Monate vergangen. Respekt vor ihrem Mut.

 

Nach dem Essen legte ich mich in mein frisch gemachtes Bett. Tatsächlich waren Bernhard und Christoph auch hier abgestiegen und im gleichen Schlafraum untergebracht. Sie saßen jedoch noch lange Zeit draußen auf der Terrasse.

 

Immer wenn ich nachts wach wurde, spürte ich in mich hinein, ob es irgendwo am Körper krabbelte. Dieses Verhalten sollte mich noch einige Tage verfolgen..