Tag 60. Von Conques nach Livinhac

Am 22.09.2014

Strecke 24 Km (Gesamt 1439 Km)

Gemeinsam hatte ich mit Alain und Ebby gefrühstückt. Zusammen gingen wir anschließend zurück in unseren Schlafsaal. Hier mussten die Beiden noch ihre Rucksäcke packen, was ich bereits vor dem Frühstück erledigt hatte. Ich verabschiedete mich von den Zweien.

 

Im Innenhof der Abbaye traf ich auf Sylvi. Sie hatte neben dem Stempeln der Pilgerausweise noch eine zweite Aufgabe bekommen, nämlich die Plastiksäcke nach Rückgabe zu desinfizieren und falls erforderlich mit Klebeband zu reparieren.

 

Ein bisschen wehmütig nahm ich Abschied von Sylvi. Ich wäre, entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, gerne ein Stück des Weges gemeinsam mit ihr gelaufen. Aber es sollte aufgrund ihres Fußproblems nicht so sein.

Ich zog alleine los, in diesen diesigen Morgen. Der Dunst hatte heute die Besonderheit, dass er nicht bis in die tiefe Tallage reichte. Ich überquerte die "Dourdou" auf der alten Pilgerbrücke "Pont des Roumieux" und konnte  die Gegend ringsum gut erkennen.

Dies sollte aber nicht lange so bleiben. Auf einem steilen und rutschigen Pfad stieg ich schnell in die Höhe und gelangte an die "Chapelle Ste-Foy", die etwa 100 Meter über dem Tal liegt. Umgeben von Nebelschwaden war an einen schönen Blick zurück auf Conques  heute morgen nicht zu denken.

Auch nach der "Chapelle Ste-Foy" führte der Weg weiter anstrengend stetig bergan. Irgendwann wurde der Nebel lichter und der niedrige Mischwald wich einer heideartigen Landschaft. Hier überholte mich eine junge, deutsche Frau von etwa Mitte 20 Jahren. Sie war eine "Trail-Runnerin". In enger Sportkleidung, mit geländefesten Sportschuhen und einem "Camelbag" Trinkrucksack holte sie mich auf der Steigungsstrecke rasch ein. Nach einigen wenigen Wortwechseln mit mir lief sie auch schon wieder weiter. Mein Gott, welche Kondition.

Da ich eh schon mal stand, genoss ich beim Durchatmen abermals einen einer dieser wunderschönen Blicke in das Nebel gefüllte Tal bei Conques.

Auf der Höhe angekommen, entschied ich mich für die kürzere Variante des GR 65 über Noailhac und die "Chapelle St-Roch". Eigentlich hatte ich nach dem anstrengenden Aufstieg in Noailhac auf einen Kaffee im dortigen Gasthaus gehofft. Leider hatte es geschlossen. Aber der Blick auf die Nebel gefüllten Täler des Umlandes entschädigte mich völlig. 

Nach einem kleinem Umweg gelangte ich an die "Chapelle St-Roch". Ich hatte den im Wanderführer erwähnten, nach rechts abzweigenden Prozessionsweg, am Ortsausgang von Noailhac übersehen und bin weiter der Straße gefolgt. Ein Fehler der leicht (einen Kilometer später) zu korrigieren war. In der kleinen Kapelle St-Roch gab es eine alte Statue des Pestheiligen Rochus aber auch erstaunlich moderne Kirchenfenster zu bewundern.

Bei der gewählten kürzen Wegvariante heißt es, lange Strecken auf Asphalt zu laufen. Dafür geht es aber nur mäßig bergauf und bergab. 

Ein kurzes Stück hinter der "Chapelle St-Roch" gibt es einen Aussichtspunkt mit einer dieser schönen, kreisrunden Steinzeug-tafeln, die das sichtbare Umland, Dörfer, Berge erläutern und auch die Himmelsrichtung bekannter Städte anzeigen. 

Im Weiler Fonteilles stößt die verkürzte Variante des GR 65 wieder auf den Hauptweg. Ab hier ging es vornehmlich auf Wiesen- und Feldwegen weiter in Richtung Decazeville. Auf diesem Wegabschnitt stieß ich ein erstes Mal auf eine "Gottesanbeterin", einer große Heuschreckenart, die mir fortan noch öfters begegnen sollten.

Bald ergaben sich die ersten Aus- und Einblicke in das Becken von Decazeville. Deutlich waren hier die Spuren von Menschenhand in der Landschaft auszumachen. In Decazeville wurde seit dem 16. Jahrhundert Kohle im Tagebau abgebaut und über den Lot / die Garonne in Richtung Bordeaux verschifft. Unter Napoleon III. blühte hier sogar kurzzeitig eine Eisen- und Hüttenindustrie auf.

Entsprechend seiner Geschichte machte die Stadt auf mich auch einen wenig charmanten Eindruck. Trotzdem legte ich hier eine einstündige Pause in einem Straßencafé ein, bevor es in Richtung Livinhac weiterging.

Selbstverständlich versäumte ich es nicht, mir in der Tourist-Info einen Stempel für meinen Pilgerausweis einzuholen.

Hinter Decazeville geht es auf einer Straße nochmals steil bergauf auf die Höhen. Auch in der Folge verläuft der Weg über asphaltiere Strecken, bis endlich ein Waldweg hinunter in das malerische Tal des Lot bei Livinhac-le-Haut führt.

Entlang der Strecke fielen mir immer häufiger Kastanienbäume mit kleinen Fruchtständen auf. Wie ich erfuhr, handelte es sich hierbei um die essbare Edelkastanie, deren Früchte in meiner Heimat zu horrenden Preisen gehandelt werden.

In Livinhac-le-Haut traf ich abermals auf meine alten Weggefährten Ebby und Alain. Sie waren heute nur bis Decazeville gelaufen und sind ab dort die Reststrecke mit einem Taxi gefahren, da Alain immer noch Schmerzen im Fuß hatte.

Die Beiden übernachteten genau wie ich im 

"gîte communal". Direkt neben unserer Unterkunft lag das "gîte la Vita é Bella", in dem einige unserer französischen und kandadischen Weggenossen untergekommen waren. Gemeinsam aßen wir in einer kleinen, nahe gelegenen Gaststätte zu Abend.

Es gab gebackene Entenschenkel mit Pommes Frites und eine Quark-speise zum Nachtisch.

Ich fand das Essen nicht gerade berauschend und hatte irgendwie das Gefühl, dass man hier einem großen Hühnerschenkel mit "Entengeschmack" auf die Sprünge geholfen hatte. 

Anschließend gab eine etwa 10köpfige Frauenwandergruppe noch eine längere Gesangseinlage bei Gitarrenmusik, und das gar nicht schlecht.

 

Gegen 20:00 h ging ich zurück ins Gîte. Hier lernte ich meine Zimmergenossen, die freundlichen Herren Chang und Wang aus Korea kennen. Herr Chang sprach ein sehr schwer zu verstehendes Englisch, Herr Wang sagte gar nichts. Herr Chang erklärte mir die Qualitäten der koreanischen Fußballspieler in der Bundesliga und verstand dabei überhaupt nicht, dass ich mich nicht für Fußball interessiere. Danach lobte er begeistert das technische know-how von Samsung, ins-besondere deren Handy-Technik. Bei diesem Thema brauchte er mich nicht sonderlich überzeugen, da ich die Geräte selber nutze. Und dann kam die absolute Krönung. Für Herrn Chang bestand Deutschland aus Berlin / Hauptstadt, München / Oktoberfest und Hannover / CEBIT. Städte wie Köln, Frankfurt, Hamburg waren bei ihm völlige Nebensache, wenn nicht gar unbekannt.

 

Ich glaube, Herr Chang redete immer noch auf mich ein, als ich bereits sanft in den Schlaf dämmerte.