Tag 58. Von Espalion nach Massip

Am 19.09.2014

Strecke 23 Km (Gesamt 1390 Km)

Im Dunkeln bin ich aufgestanden und habe meine Sachen gepackt. Daniel, mein Zimmergenosse, schlief noch tief und fest. Ich ging in den Gemeinschaftsraum und wurde von der Hospitalera erneut mit einem freundlichen "Huu, huu, Casper..." begrüßt. Im Frühstücksraum war ich alleine, offensichtlich wurde es am gestrigen Abend für die Anderen wieder etwas später.

Früh am Morgen startete ich in die nächste Etappe. In unmittel-

barer Nähe zum Gîte hatte ein Wochenmarkt seine Stände entlang des Lot aufgeschlagen. Hier wurden neben Gemüse, Obst und Fisch auch die regionalen Spezialitäten wie Wurstwaren und Käse angeboten. 

Der Weg führte eine kleine Strecke flach durch das Tal des Lot. Dann zweigte er nach links ab und brachte mich zu der roten Sandsteinkirche

"St-Pierre-de-Bessuéjouls".

In deren Nähe war eine schöne, aus Metallschrott gefertigte, lebensgroße Pilgerstatue aufgestellt 

Nachdem die Kirche passiert war, führte ein sehr steiler, unangenehm zu gehender Pfad zunächst geradewegs bergan. Danach ging es in relativ entspannten Serpentinen, durch den Eichenwald, weiter bergwärts.

Auf dieser Passage geriet ich schon am frühen Morgen ganz gut ins Schwitzen. Der Vorteil dieser "harten Gangart" war, dass ich sehr schnell die Hochfläche über dem Lottal erreicht hatte. Von hier aus ergaben sich schöne Ausblicke auf Espalion und die Burgruine "Calmont d'Olt". 

Auf der Hoch-

ebene angekommen,

verlief der Weg längere Zeit über gut zu gehende Wirtschaftswege

und entlang einer schmalen, wenig befahrenen Straße. Irgendwann zweigte ein Feldweg nach rechts ab, der schnell zu einem Pfad wurde. Dieser führte, zum Teil von meterhohen Buchsbaumhecken gesäumt, mit mäßigem Gefälle wieder hinunter ins Tal, zum ehemaligen Schloss Beauregard.

Ab hier ging es in Tallage weiter, vorbei an zum Teil sehr gut erhaltenen alten Gebäuden, zu meinem nächsten Etappenziel, dem Städtchen Estaing.

Über die Pilgerbrücke wechselte ich die Flussseite, um mir den Ort anzuschauen. Angehörige der ursprünglichen Adelsfamilie d'Estaing hatten Richard Löwenherz bereits auf dem 3. Kreuzug begleitet. Bis in die Zeit der französischen Revolution, tauchte ihr Name immer wieder in der Geschichte auf. Im Jahr 1922 kaufte die wohlhabende Familie des späteren französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d'Estaing das Schloss und den Adelstitel.

Über die Pilgerbrücke ging es zurück auf die ursprüngliche Uferseite. Beim Verlassen des Ortes stieß ich auf einen erstklassig erhaltenen Oldtimer der Marke Peugeot.

Immer entlang einer kaum befahrenen Straße, die nahe des Lot verläuft, setzte ich meinen Weg fort.Der Lot wird in diesem Bereich zur Elektrizitäts-

gewinnung aufgestaut. Er hat daher eher den Charakter eines langgestreckten Sees.

Nach einigen Kilometern steigt die Straße zunächst leicht an. Später führte der Weg dann steil und steinig durch einen Mischwald bergauf und kreuzt einige Male die Fahrstraße. Ich beschloss den weniger steilen Fahr-weg bis zum Gehöft "Montegut" zu folgen und hierdurch ein wenig mehr Wegstrecke in Kauf zu nehmen.

Hinter "Montegut" ging es weiter entlang der Straße hinauf zum Weiler Le Sansagnerie. Rechts der Straße, auf einer Wiese, pausierten Csaba, Barbara, Marc sowie das französische Trio um Eva. Alle hatten ihre Schuhe ausgezogen und pflegten ihre Blasen und Blessuren an den Füßen.

Der Ausruf von Csaba "Ingo, if you want to be a part of the group, you had to learn to walk" passte so gar nicht zu diesem Anblick. Immerhin hatte ich mir an Tag Acht meiner diesjährigen Wanderung noch keine Blase gelaufen.

Ein wenig schadenfroh zog ich weiter. Das Grinsen sollte mir aber schon bald wieder vergehen. Ich glaubte, dass ich den Rest der Tagesetappe auf dem Höhenzug verbleiben würde. Dies war aber nur bis in die Nähe des Weilers Fonteilles der Fall. Dahinter wurden zahlreiche der wertvollen Höhenmeter entlang einer talwärts führenden Landstraße wieder zunichte gemacht. Ich war frustriert. Über Waldwege und entlang des Waldes ging es dann bergwärts, hinauf zum Weiler Massip, meinem Tagesziel.   

Mit der Wahl meiner Unterkunft war ich sehr zufrieden. Das Gîte "l'Orée du Chemin" ist sehr sauber. Neben den Mehrbettzimmern im Erdgeschoss und unter dem Dach gibt es einen großen gemütlichen Gemeinschafts-raum, indem auch das Essen serviert wird. Darüber hinaus lädt eine Wiese mit Gartenmöbeln und Liegestühlen zum Verweilen ein. Kühle Getränke stehen zur Selbstbedienung im Kühlschrank, kostenpflichtig, zur freien Verfügung bereit.

 

Im Garten fand sich schnell ein Gesprächskreis aus Belgiern, Schweizerinnen, darunter auch Claudia, die ich schon auf der Domäne Sauvage kennen lernte.

 

Eine der Belgerinnen war Krankenschwester. Sie nahm sofort eine leicht entzündete Druckstelle an meinem Knöchel wahr. Ohne dass ich groß gefragt wurde, behandelte sie die kleine Wunde mit einer entzündungs-hemmenden Salbe und einem Compeed-Pflaster. Die Behandlung war sehr erfolgreich, im weiteren Verlauf meiner Tour machte mir die wunde Stelle keine weiteren Probleme mehr.

 

Zu der Runde gesellte sich auch der Baske Jean-Francoise. Er war Gleisarbeiter bei der SNCF. Ihm wurde wegen 0,7 Promille Blutalkohol der Führerschein für sieben Monate entzogen. Da er während seiner Arbeit immer die Pilger bewunderte, die gen Santiago zogen, hatte er sich während des Führerscheinentzuges kurzerhand beurlauben lassen und sich selbst auf den Weg gemacht. 

Schon beim Einzug ins Gîte stellte ich anhand der Belegungsliste fest, dass ich als Einziger kein Abendessen mitbestellt hatte. Gegen 17:00 h erschien die Betreiberin der Unterkunft, eine resolute Bauersfrau. Sie fragte laut in die Runde, wer Ingo sei. Ich ahnte sofort, dass es um das gemeinschaftliche "Repas" ging. Dankbar für die Nachfrage, nahm ich das Angebot, auch am Abendessen teilzunehmen zu können an. Was ich nicht bereuen sollte. 

Die Gastgeberin hatte sich mit ihrer Küchen-hilfe ins Zeug gelegt. Serviert wurde als Vorspeise eine liebevoll zubereitete Salatplatte. Als Hauptspeise gab es reichlich Nudeln mit einem Rahmgulasch aus Schweinefleisch und Maronen. Abgeschlossen wurde das Essen mit einem Stück Apfeltarte und einer sehr leckeren Quarkspeise.

Im Laufe des Abendessen kam heraus, dass eine der belgischen Frauen heute Geburtstag hatte. Sofort stimmten alle auf ihrer jeweiligen Landessprache ein "Happy birthday to you..." an.

Jean-Francoise ließ es sich nicht nehmen, ein Geburtstagsständchen in baskischer Sprache vorzutragen. Nach einem sehr gemütlichen Abend in der Runde meiner Mitpilger ging ich nach dem anstrengenden Tag satt und zufrieden mit mir selbst ins Bett.