Tag 62. Von Figeac nach Cajarc

Am 24.09.2014

Strecke 31 Km (Gesamt 1495 Km)

Heute stand eine der langen Etappen an, so waren alle Pilger auch schon ab 06:00 h auf den Beinen. Nach einem gemeinsamen kirchlichen Lied wurde gefrühstückt. Am Tisch saßen zwei Australier, zwei Pilgerinnen aus Frankreich und ein Ehepaar aus Österreich, welches ich schon ein paar Mal gesehen aber mit dem ich noch nie gesprochen hatte.

Über Nacht hatte es wohl geregnet, wovon ich allerdings nichts mitbekommen habe. In einen entsprechend dunstigen Morgen ging es bereits nach wenigen hundert Metern ständig bergan, aus dem Tal der Célé hinaus in die Höhe. Der Weg passierte ein riesiges Betonkreuz, welches auf dem Hausberg von Figeac, dem 360 m hohem "Cingle", thront. Es ist Teil eines Ehrenmals für gefallene Soldaten der letzten Kriege. Von hier oben gab es einen, leicht getrübten, Blick auf das gut 160 Meter tiefer liegende Figeac.

Links und rechts des Weges dampften die Wälder nach dem nächtlichen Regen und es klarte lange Zeit nicht wirklich auf. Mit der heutigen Etappe sollte ich erstmals die "Causses" betreten, eine karste Kalkhoch-fläche mit nur spärlichem Bewuchs und riesigen Steineichenwäldern. 

In den ersten beiden Stunden traf ich mehrmals auf das Paar aus Österreich, mal überholte ich sie und mal wurde ich von ihnen überholt. Nach gut zwei Stunden erreichte ich den schönen kleinen Ort Faycelles.

Weiter ging es über das Hochplateau vorbei an den allgegenwärtigen Wegkreuzen und den immer öfter zum Landschaftsbild gehörenden, steinernen  Hirtenhütten, den "Burons".

Während des Vormittages ging es meist über schwach befahrene Straßen und Teerwege, in der zweiten Tageshälfte immer häufiger über Fußpfade durch die niedrigen Steineichenwälder, entlang aufgeschichteter Steinmauern. Hier in den Wäldern traf ich auf keine Menschenseele. Trotz der Einsamkeit hatte dieser Streckenabschnitt einen urwüchsigen Charme. 

Irgendwo hier in den Wäldern hatte ich fast die Hälfte meiner heutigen Tages-etappe geschafft. Allmählich klarte auch das Wetter auf und die Sonne kam heraus.

Im großen Ganzen war die bereits zurückgelegte Strecke und der noch kommende Rest gut zu laufen. Es gab heute, mit Ausnahme am Anfang und Ende des Tages, kaum nennenswerte Steigungen oder Gefälle. Dennoch sollte der Wanderer in den Eichenwäldern im Spätsommer bzw. Herbst ein Auge auf die gut erscheinenden Wege haben. Im abgefallenen, welken und braunen Eichenlaub verstecken sich gerne ebenso braune größere Schottersteine, die schnell zu einem Umknicken im Sprunggelenk führen können.

An manchen Stellen öffnete sich der Wald ein wenig. Hier gab es dann karge Weideflächen, auf denen Schafe grasten. Rinder können auf diesen mageren Wiesen wohl kaum gehalten werden. Tatsächlich besteht der Boden in der "Causses" nur aus einer sehr dünnen Humusschicht. Bereits wenige Zentimeter darunter dominiert verwittertes Kalkgestein oder nackter Kalkfelsen, der an vielen Stellen zu Tage tritt.

Am frühen Nachmittag machte ich im Örtchen Grealou auf einem Platz mit alter Brunnen-anlage und großem Stein- kreuz eine längere Pause und aß ein Stück Baguette und Wurst aus meinen Vorräten.  Die kleine Stärkung tat Not, da es bisher so gut wie keine bzw. nur geschlossene Einkehrmöglichkeiten gab.

Irgendwann passierte ich einen Weghinweis auf den Dolmen "Pech Laglaire".

 

"Pech Laglaire", diesen Namen würde ich vom Klang her rein gefühlsmäßig eher einer englisch / schottischen Landschaft zuordnen.

Wenig später erreichte ich den Dolmen selbst. Die Dolmen sind in der "Causses" weit verbreitet. Sie stammen vermutlich aus einer sehr frühen Besiedlung der Landschaft durch Megalithkulturen, in noch vorkeltischer Zeit. Es wird vermutet, dass es sich bei den Dolmen um Altarsteine oder aber um Grabkammern handelt. 

Im Laufe des Nachmittages wurde die Landschaft etwas offener. Noch immer ging es durch die endlosen Steineichenwälder und entlang der Schicht-steinmauern, vorbei an verlassenen Gehöften und an verwitterten Baumriesen.

Kurz vor Cajarc ergaben sich dann immer öfter Blicke auf die steindurchsetzten Karstweiden

Plötzlich nach einer Weg-biegung konnte man  Cajarc sehen.

An dieser Stelle hatte ich mit der Deutung der Wegbeschreibung bzw. mit der Wegkennzeichnung ein wenig Probleme.

Nach fast 30 zurückgelegten Kilometern wollte ich aber kein Risiko mehr eingehen. Ich folgte einem Teerweg, dessen Verlauf bis in die Stadt hinunter sichtbar war.

In Cajarc angekommen, suchte ich als erstes die Tourist-Info auf. Zum Einen bekam ich hier einen Stempel für mein Creancial, der eine stilisierte Krokusblüte zeigt. Sie erinnert daran, dass auf den Hochflächen der "Causses" Krokusblumen zur Gewinnung des kostbaren Safran-gewürzes kultiviert werden.

Zum Anderen ließ ich mir den Weg zum "gîte communal" erklären, der schnell gefunden war. Das Gîte liegt direkt rechts neben der Tourist-Info. 

Das Gîte befand sich in einem sehr altem, großem Haus. Mit meiner telefonischen Bettreservierung hatte es wohl geklappt, wie ich dem Plan mit der Bettenverteilung entnehmen konnte.

Daran, dass ich auf den Bettenplänen meistens mit "Imgo", "Anjo" oder ähnlichen Schreibweisen (bis hin zu "Hugo") vermerkt war, hatte ich mich inzwischen gewöhnt. Nirgendwo bin ich auf Jemanden getroffen, der auch Anspruch auf das gleiche Bett erhoben hätte.

Mein weiß bezogener Schlafplatz stand in einem einladenden, geräumigen Saal, der im weiteren Verlauf des Abends noch mit einer unangenehmen Überraschung aufwarten sollte.

Schnell ging ich unter die Dusche. Wäsche hatte ich heute nicht gewaschen, ich wollte noch die letzten Sonnenstrahlen im Tal genießen. So stellte ich meinen Rucksack komplett neben das mir zugewiesene Bett.

 

Beim Verlassen der Unterkunft traf ich auf des Ehepaar aus Österreich. Er sprach ganz gut Französisch. Er teilte mir mit, dass das "gîte communal" die letzten drei Tage wegen Bettwanzenbefall geschlossen war, und sie daher woanders übernachten wollten. Ich scherzte noch, die hätten dann ja wohl einen guten Kammerjäger bestellt, ging dann aber nochmals hoch, um meinen Rucksack auf einen Stuhl mit Metallfüssen zu stellen.

 

Danach setzte ich mich in ein Straßencafé gegenüber des Gîtes und trank in der verbleibenden Nachmittagssonne, auf der Terrasse, ein erfrischendes Bier.

Um 18:00 h erwartete ich im Gemeinschafts-raum der Unterkunft das Eintreffen der städtischen Angestellten, um meine Übernachtungsgebühr von 12,50 Euro zu entrichten. Die junge Frau ließ sehr lange auf sich warten. Sie war Mutter eines Kleinkindes, welches sie auch mitbrachte, insofern sei es ihr verziehen. Nach Bezahlung und Empfang eines weiteren Stempels ging ich eine kleine Runde durch die Stadt. 

In Cajarc gab es nicht allzu viel zu sehen. Als es merklich kühler wurde, entschloss ich mich etwas Essen zu gehen. Nach dem langen Tag gönnte ich mir eine leckere Pizza direkt am Dorfplatz. 

Um 21:00 h war ich dann wieder im Gîte. Ich holte meinen Schlafsack aus dem Rucksack, breitete ihn auf dem weiß bezogen Bett aus, schlüpfte hinein und fiel direkt in einen Dämmerschlaf.

 

Zu meinem Glück kamen meine Zimmergenossen, die Deutschen Bernhardt und Christoph, nur wenige Minuten nach mir. Sie schalteten das Licht ein und ich wurde wieder wach. Ich erkannte ein knapp stecknadelkopfgroßes, dunkles Etwas, welches auf meinem Unterarm entlang krabbelte. Ich schnipste es mit den Fingern auf das weiße Bettlaken und drückte mit dem Fingernagel darauf. Und "Plitsch", ein großer, dunkelroter Blutfleck blieb auf dem hellen Laken zurück.

 

Schlagartig hellwach setzte ich mich auf. Mit der Brille auf der Nase begutachtete ich das Bettlaken. Es waren keine weiteren "Mitbewohner" zu sehen. Dann drehte ich das Kopfkissen um und bekam Gänsehaut, dort krabbelte es rege und ca. acht Bettwanzen freuten sich bereits auf ihr nächtliches Mahl.

 

Dazu sollte es nicht kommen. Sofort verließ ich das Bett. Schnell zog ich meine Kleidung an, die ich ebenfalls auf dem Stuhl, ohne Bodenkontakt, abgelegt hatte. Ich packte das Waschzeug notdürftig in den Rucksack. Mit dem Schlafsack und meinem Gepäck unter dem Arm verließ ich nicht nur den Schlafsaal sondern auch direktem Wege das Gîte.

 

Nur, wo sollte ich bleiben?

 

Hinter dem Gîte gab es eine alte, stillgelegte KFZ-Werkstatt mit einem kleinem, betonierten und überdachten Vorplatz. Hier hatte den ganzen Nachmittag, auf einer Bank, ein gepflegter "Clochard" mit seinem Hündchen in der Sonne gesessen. Jetzt schlief er, von seinem Hund bewacht, in seinem Schlafsack auf der Bank. Ich dachte, dies sei ein guter Platz zum Übernachten, und legte mich mit einigen Metern Abstand zu ihm hin. In der Dunkelheit war nicht zu sehen, ob vielleicht Glassplitter auf dem Beton lagen. Ich wollte nicht die Dichtheit meiner leichten Luftmatratze riskieren und legte mich mit meinem Schlafsack auf den nackten Untergrund.

 

Irgendwie war ich nach dem Schreck so aufgekratzt, dass ich zunächst nicht wieder in den Schlaf fand. Das Hündchen des "Clochards" war sehr aufmerksam und registrierte jegliche Bewegung auch in größerer Entfernung. Der Landstreicher bemerkte meine Unruhe. Ohne seine gemurmelten Worte zu verstehen, übergab er mir seine zusammen gefaltete Jacke, damit ich sie als Kopfkissen benutzen könne. 

 

Ein wenig verdutzt aber dankbar nahm ich dieses Angebot an.