Tag 66. Von Lascabanes nach Lauzerte

Am 29.09.2014

Strecke 23 Km (Gesamt 1597 Km)

Alle Pilger waren schon sehr früh auf den Beinen und fanden sich nach und nach zum Frühstück ein. Die beiden Schweizerinnen berichteten, dass sie gestern Abend zur Pilgermesse in der Kirche waren. Während des Messerituals habe der Pfarrer den Pilgern die Füsse gewaschen. Dies war für die beiden Eidgenossinnen ein befremdlicher aber beein-druckender Moment.

Über Nacht hatte es geregnet. Jetzt, in der Morgendämmerung, sah der Himmel nicht gerade vertrauenserweckend aus. Um 07:40 h ging ich los. Vor mir war nur die junge Italienerin gestartet.

Zunächst lief ich durch den Ortskern von Lascabanes. Hier passierte ich ein Gîte, in dem die Pilger noch frühstückten. Durch ein Fenster war der Blick in den Gemeinschaftsraum möglich, der in einem großen Zimmer mit Deckengewölbe lag.

Hinter Lascabanes stieg der Weg erneut an. Vorbei an einem prächtigen Weingut, einem Buron und einer kleinen Kapelle erreichte ich erneut einen karsten, kalkigen Bergrücke. Die Land-

schaft wurde hier aber offener und der Blick konnte in die Ferne schweifen.

Auf dem Bergrücken setzte ein feiner aber beständiger Nieselregen ein. Ich entschloss mich, meine Regenkleidung anzuziehen, bevor ich total durchnässt war

In der kümmerlichen Heidelandschaft war die Route an vielen Stellen über hunderte von Metern einzusehen. Es gab keine Steinmauern mehr, die in den letzten Tagen fast ständig meinen Weg säumten. Erst hier wurde mir klar, wie sehr das Pilgeraufkommen abgenommen hat.

 

Zwischen Le Puy und Conques, im schönen Aubrac, gehörten Einzelpilger und Pilgergruppen fast schon zum Landschaftsbild.

Der Grund ist wohl darin zu suchen, dass der Streckenabschnitt zwischen Le Puy und Conques zu den landschaftlich schönsten der Via Podiensis gehört.

 

Hinter Conques und Figeac wurden es deutlich weniger. Ab Cahors waren dann nur noch Wenige unterwegs, da Conques mit seiner Busanbindung und Figeac sowie Cahors mit ihren Bahnhöfen gute Möglichkeiten bieten, die Heimreise anzutreten.

 

Irgendwie war ich glücklich und stolz, zu den wenigen "übrig Gebliebenen" zu gehören.

In diesen Gedanken versunken, lief ich durch den Nieselregen, bis irgendwann der mächtige "Donjon", der Bergfried einer ehemaligen Festung, von Montcuq vor mir auftauchte.

Am späten Vormittag erreichte ich Montcuq, ein guter Zeitpunkt für eine weitere Tasse Kaffee. Es hatte aufgehört zu regnen und der Himmel schien aufzuklaren. Also verband ich das Angenehme mit dem Nützlichen, trank eine leckere Tasse Kaffee und zog mein Regenzeug aus.

Beim Kaffeetrinken in Montcuq holten mich Marcel, Donald und das Ehepaar aus British Columbia ein, die ich erst gestern Abend in Lascabanes kennengelernt und mit denen ich heute morgen gefrühstückt hatte. Nach einer kurzen Unterhaltung setzte ich meinen Weg fort.

Hinter Montcuq geht es erst einmal wieder, durch einen Hohlweg, zünftig bergan. Durch Wälder und über abgeerntete Sonnenblumen-felder ging es weiter nach Rouilhac Berty, wo ich eine weitere kurze Pause vor der Kirche einlegte. Die kleine, schmucklose Dorfkirche würde in Deutschland sicher so manchen zu einem Schabernack verführen. Das Zugseil der Glocke hängt frei neben dem Kirchenportal bis zum Boden.

Ab Rouilhac Berty wird die Landschaft zunehmend lieblicher und immer häufiger von Agrarflächen bestimmt.

 

In der Nähe des Gehöftes Bonal passierte ich eine große Obstbaum-plantage, die komplett abgestorben erschien. Wie ich am Abend erfahren sollte, handelte es sich bei den Bäumen vorwiegend um Reineclauden (eine Edelpflaumenart von grün-gelber Farbe) die zweimal jährlich geerntet werden. Bei der Ernte werden Rüttelmaschinen eingesetzt, die nicht nur die Früchte sondern auch überwiegende Teile des Laubes abrütteln. Hiervon müssen sich die Bäume erst einmal erholen und sehen während dieser Zeit wie abgestorben aus. 

Über geteerte Wege ging es dann in Richtung Montlauzun. Kurz vor dem Weiler steigt die Straße an. Unterhalb des Örtchens zweigt der Weg dann nach links, tal-wärts ab. Eine steile Stichstraße führt hinauf in den Ort. In der Hoffnung, zur Mittagszeit in Montlauzun ein erfrischendes Getränk zu bekommen, folgte ich der Sackgasse. Welche Enttäuschung. Oben auf der Bergkuppe gab es lediglich ein Gîte, eine Kirche, ein weiteres Haus, vermutlich das Pfarrhaus, und ein Rathaus.

Dafür traf ich auf das Ehepaar aus British Columbia. Sie wollten heute hier im Gîte übernachten. Die Beiden fragten mich, ob ich schon einen Blick in die Kirche geworfen hätte. Ja, hatte ich, sie war ziemlich dunkel, schmucklos und wenig sehenswert. So versuchte ich auch meinen Eindruck herüber zu bringen. Die Zwei hörten aufmerksam zu und er antwortete in seinem britischen Humor "Well, so I will visit this attraction in the afternoon". 

Von Montlauzun aus, geht es zunächst hinab ins Tal. Ich folgte  zunächst wenige Meter der D 47 nach links. Dann führte nach rechts ein steiler, lehmiger Weg erneut bergan. Nach dem morgendlichen Regen war der Pfad sehr rutschig und glitschig. Dieses Problem wurde in der Vergangenheit von den Wegverantwortlichen bereits erkannt. Aus diesem Grund wurde rechts des Weges ein dickeres Seil befestigt, an dem man sich bergwärts hangeln kann. 

Ein letztes Mal auf meiner diesjährigen Tour führte der Weg durch einen größeren, lichten Eichenwald, bevor es erneut steil bergab ins Tal ging.Unten angekommen, erschloss sich

der Blick auf die wehrhafte Stadt Lauzerte, die sich auf einer Bergkuppe befindet.

Erneut folgte ein, zum Teil, steiler Anstieg hinauf in die Stadt. Außerhalb der Stadtbefestigung erreichte ich mein heutiges Tagesziel, das schöne Gîte "Les Figuieres" 

Diese Unterkunft kann ich allen Pilgern nur ans Herz legen. Ich wurde sehr freundlich, mit Erfrischungsgetränken, empfangen. Der Hospitalero  zeigte mir das moderne Haus. Es bietet neben einem Foyer mit Sitzgelegen-heiten und Empfangsbüro einen großen Speisesaal, eine Küche für Selbstversorger, geschmackvoll eingerichtete Schlafräume, sehr saubere Toiletten und Duschen sowie einen Waschraum mit Waschmaschine. Von der Außenanlage des Gîtes ergaben sich tolle Blicke in das, inzwischen im Sonnenschein liegende, Umland.

Nach kurzer Dusche und Kleidungswechsel machte ich mich zu einer Stadtbesichtigung auf. Die engen Gassen des Ortes, mit ihren Wohnhäusern aus grauem Naturstein, führten mich immer wieder zurück zu dem wirklich sehenswerten Marktplatz im Ortskern. Der Platz wird an zwei Seiten von Arkadengängen gesäumt, eine Seite gehört der Kirchenanlage und an der anderen gibt es schöne Cafés und ein Restaurant.

Auffällig ist auch die "Kunst am Platz". Vor dem Kirchenportal ist das Kopfsteinpflaster an einer Ecke wie ein Tischtuch hochgehoben und gibt den Blick auf ein blaues Mosaik frei.

Rechts neben den Restaurants befindet sich die Tourist-Info, in der ich einen weiteren schönen Stempel für mein Creancial erhielt. Direkt vor dem Touristenbüro steht ein alter, wettergegerbter Holzwegweiser.  

Nach einer weiteren Runde durch die Gassen, erblickte ich Marcel und Donald in einem Café auf dem Marktplatz. Sie saßen dort mit einem anderen amerikanischen Ehepaar, ich glaube sie hießen Don und Eviane. Ich gesellte mich zu dieser Runde und gemeinsam verbrachten wir dort einen schönen Nachmittag.

Gegen kurz nach 18:00 h ging ich zurück ins Gîte, wo sich die ersten Pilgerfreunde bereits um die liebevoll einge-deckte Tafel im Speisesaal versammelt hatten. Um Punkt 19:00 h wurde dann das Essen serviert. Es gab zur Vorspeise eine Maiscremesuppe mit Pilzen und Croutons, gefolgt von einem kleinen Salat und einem Stück Terrine. Als Hauptgericht wurde eine schmackhafte, grobe Bratwurst mit gebratenen Feigen und Ratatouille gereicht. Es folgte eine kleine Käseauswahl und ein Dessert, ein Stück Apfel-Rhabarber Kuchen mit Sahne. Rotwein und Rosé wurde nachgeschenkt, bis niemand mehr mochte. Die Tischrunde löste sich erst gegen 22:00 h auf.

 

Lieber Pilgerfreund, mein Tipp, solltest du das "Les Figuiers" als Übernachtungsstätte auswählen, verzichte nicht auf die Halbpension.

Nach dem Essen ver-sammelte sich die Pilger-runde noch auf einen Plausch im Foyer. Ein französischer Radpilger hatte irgendwo im Haus ein Akkordeon entdeckt. Er griff in die Tasten und spielte fröhliche Lieder, die zum Teil von den französischen Gästen lauthals mitgesungen wurden.