Tag 67. Von Lauzerte nach Moissac

Am 30.09.2014

Strecke 25 Km (Gesamt 1622 Km)

Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Joghurt und Fruchtsalat verließ ich das "Les Figuiers", nicht ohne mich zuvor beim Hospitalero persönlich für das vorzügliche Abendessen und die schöne Unterkunft zu bedanken.

Als ich auf die Straße trat, fielen bereits einige vereinzelte Regentropfen. Der Niederschlag wurde jedoch schnell stärker, so dass ich mir in einem Arkadengang des Marktplatzes mein Regenzeug anzog. 

 

Vorbei an einem großen Schulgelände ging es zunächst wieder talwärts 

Bald darauf führte ein Teerweg wieder bergan in Richtung des Gehöftes "Le Chartron". In dessen unmittelbarer Nähe gibt es ein sehenswertes Taubenhaus zu bestaunen. Trotz strömenden Regens holte ich meine Kamera an diesem Tag zum ersten Mal hervor, um ein Foto davon zu schießen.

Der feine Regen hielt sich beharrlich und das Laufen bereitete mit heute keine Freude.

 

Wo ein Blick in die Ferne möglich war, zeigte dieser eine fast aufliegende Wolkendecke und immer neue Regenschleier, die über das Land zogen.

Kurz bevor mich einer dieser kräftigeren Regenschauer erreichte, kam das Hotel "Aube Nouvelle" in Sicht.

Das Haus "Zur Neuen Morgendämmerung" hatte zumindest von außen die besten Tage bereits hinter sich.

Immerhin hatte es geöffnet. Ich durfte, tropfend nass wie ich war, zunächst im Wintergarten Platz nehmen, um den Regenguss abzuwarten.

Bei einer großen Tasse Kaffee und Madeleines ließ ich es mir gut gehen.

Eine viertel Stunde später, trafen zuerst Marcel und Donald und bald darauf zwei Pilgerinnen aus Frankreich im Hotel ein. Der kleine Wintergarten wurde für fünf Personen zu eng und der Hausherr bat in den Salon. Die Inneneinrichtung des Hauses war in den frühen Zeiten des letzten Jahrhunderts stehen geblieben und wirkte dennoch irgendwie kitschig-gemütlich. Bei Tee und Kaffee warteten wir gemeinsam den größten Schauer ab.

 

Nachdem der Regen etwas nachgelassen hatte, machte ich mich wieder auf den Weg. Durch Weinfelder und Obstplantagen ging es zum Dorf Durfort-Lacpelette. Über die neue Wegführung ging es in eine Talsenke, vorbei an einem Teich, und dann auf einem matschigen Lehmweg wieder bergan, hinauf zur D 16.

 

Als ich diese mühsam erreicht hatte, stellte ich fest, dass ich mich nur wenige hundert Meter hinter dem Ortsausgang von Durfort-Lacpelette befand.

 

Da meine Laune bei dem Regenwetter und nach diesem letzten, rutschigen Wegabschnitt auf einem Tiefpunkt angekommen war, holte ich meinen Wanderführer hervor. Auf einer Übersichtskarte konnte ich erkennen, dass die Route des GR 65 bis nach Moissac hin durchweg in geringem Abstand links oder rechts der D 16 verläuft.

Ein Blick auf einen Straßenwegweiser verriet mir, dass Moissac nur noch

12 Kilometer entfernt war. Ich hatte heute, an meinem letzten Wandertag und keine Lust mehr, über aufgeweichte Feld- und Waldwegen zu laufen, um mich hierbei total einzusauen. Also gab ich der wenig befahrenen Landstraße den Vorzug.

Kaum, dass ich der Teerstraße folgte, hörte der Regen auf. Wollte mich da vielleicht Irgendwer umstimmen. Aber die Feld- und Waldwege waren und blieben durch den morgendlichen Regen aufgeweicht und matschig, und ich blieb auf der Straße, die mich schnell voran brachte.

Bereits nach gut zwei Stunden passierte ich den Orteingang von Moissac. Die Regen-kleidung hatte ich zu diesem Zeitpunkt längst ausgezogen.  

Ich folgte dem Straßenverlauf durch ein wenig schönes Gewerbegebiet am Stadtrand. Irgendwann fand ich die Wegmarkierung wieder, und der GR 65 führte mich durch in ein reines Wohngebiet. So erreichte ich den Stadtkern von Moissac.

 

Im Außenbereich eines italienischen Restaurants nahm ich direkt vor dem Portal der Abteikirche St. Pierre Platz und bestellte mir einen sehr guten Rotwein und genoss diesen bedächtig nach dem Motto "das hab' ich mir verdient". 

 

Ich war überglücklich, dass ich die anstrengenden 420 Kilometer meines diesjährigen Jakobsweges ohne jegliche Vorbereitung und mit dem Handicap eines angeknacksten linken Fusses so gut bewältigt hatte.  

Nach dem guten Roten begab ich mich in Richtung meiner heutigen Unterkunft, dem "Carmel", hoch über der Stadt.

 

Alain hatte hier in der Vergangenheit bereits als Hospitalero gearbeitet und verfügte nach wie vor noch über gute Kontakte zum Haus.

Deshalb hatte ich ihn an unserem letzten gemeinsamen Abend in Livinhac gebeten, ob er für mich nicht über seine Verbindungen ein Bett für zwei Übernachtungen im "Carmel" buchen könne. Dieses ist eigentlich unüblich und nur akut erkrankten oder schwachen Pilgern vorbehalten. 

 

Mein Pilgerfreund hatte sich in Livinhac auch gar nicht weiter zu meiner Bitte geäußert. Irgendwann, weit hinter Figeac, Alain war längst wieder in seiner Heimatstadt Lyon, erreichte mich ein Anruf von ihm. Das mit den zwei Übernachtungen im "Carmel" ginge in Ordnung.

 

Im Hof des ehemaligen Klosters wurde ich freundlich empfangen und bekam mein Zimmer im Obergeschoss zugewiesen.

 

Der Blick in den Klosterhof faszinierte mich.

Ich bezog mein Zweibettzimmer und richtete mich häuslich ein. Mein Zimmergenosse war, wie ich erst am Abend erfahren sollte, ein Franzose.

Aus dem Zimmer-fenster blickte ich über Teile der Altstadt und das Gewerbegebiet von Moissac. 

In der Ferne hingen noch immer schwere Regenwolken und schütteten ihre nasse Fracht über dem Land aus.

Nach der üblichen Dusche und Kleiderwäsche machte ich mich zu einem ersten Stadtrundgang auf. Ich sollte jedoch nicht weit kommen. Marcel und Donald saßen in dem italienischen Restaurant an der Abtei. Ich setzte mich zu ihnen. Bei Bier und Rotwein unterhielten wir uns. Es  

sollte unser letztes Treffen sein, denn die Beiden wollten morgen weiter in Richtung St. Antoine.

Um 18:15 h ging ich noch in die Abtei, in der eine kurze Andacht stattfinden sollte, wo ein Nonnenchor singen würde.

 

Ich überlegte noch, ob ich mein Handy aus- oder zumindest stumm- schalten sollte. Ich ließ es unverändert, wer sollte mich schon anrufen, weil "...kein Schwein ruft mich an...".

 

Kaum hatten die Nonnen mit ihrem ersten Choral begonnen, bimmelte mein Handy. Den Lautsprecher zu haltend verließ ich fluchtartig die Kirche. Wie peinlich. 

 

Es war Ebby, der sich erkundigen wollte, ob das mit der Übernachtung im "Carmel" geklappt hatte. Danke Ebby. Für deine Fürsorge eine Note "Eins", für den Zeitpunkt eher die Note "Sechs". Aber ich war es ja selbst Schuld, ich hätte auf meine innere Eingebung hören sollen.

 

Danach ging ich zurück ins "Carmel". Eine größere Pilgerschar hatte sich schon im Hof versammelt und wartete, dass der Speisesaal geöffnet wurde. Punkt 19:00 h öffneten sich die Türen.

 

Nach einer langen Einweisung in die Geschichte des Klosters und der Vorstellung der Hospitaleras / Hospitaleros wurde das Essen serviert.

 

Es gab Tomatensalat mit Käse, gefolgt von einem Schnitzel mit einem Linsenbrei und zum Dessert ein Stück Zitronen-Sahne Kuchen.