Tag 59. Von Massip nach Conques

Am 20.09.2014

Strecke 25 Km (Gesamt 1415 Km)

In der Nacht gab es ein heftiges Gewitter, welches sich aber in den frühen Morgenstunden legte. Trotz des andauernden Donnerns hatte ich gut in meinem Vierbettzimmer ge-schlafen. In der Frühe stand ich auf und nahm ein reichhaltiges Früh-stück zu mir. Im Gîte herrschte zu diesem Zeitpunkt schon geschäftiges Treiben. Als einer der Ersten, machte ich mich 07:40 h auf den Weg. Nach der gewittrigen Nacht gab es einen schönen Sonnenaufgang zu sehen.

In den Tälern standen die gewohnten Nebelschwaden. Die von der Sonne des Vortages aufgeheizten Wege und Wiesen dampften nach dem nächtlichen Regenguss.

Etwa zwei Kilometer hinter "Massip" erreichte ich den Ort Golhinac, der in der frühen Stunde noch wie ausgestorben war. In der einen oder anderen Unterkunft saßen die Pilger zum Teil noch beim Frühstück.

Es sollte ein schöner, sonniger Tag werden. Der Weg war gut und führte an einer Weide vorbei, auf der Vieh gehalten wurde, dass so gar nicht in diese Land-schaft passte. Meiner Meinung nach handelte es sich um eine Art Wasser-büffel.

An diesem Morgen hielt sich der Nebel lange. Es gab immer wieder schöne Ausblicke über die mit Dunst gefüllten Täler

hinweg. Ich liebe diesen Anblick

Der bisherige Weg war gut zu begehen und dank vieler kleiner Details am Wegesrand ab-wechselungsreich. Er führte, zunächst über Sträßchen dann durch schattigen Wald hinab in das Dorf Espeyrac.  

Am Ortsausgang von Espeyrac passierte ich einen Friedhof, auf dem sich ein großes und eigenwillig, aus natur-gewachsenem Holz, gefertigtes Grabmal befand.

Nach Überquerung eines kleinen Bachlaufes ging es bergan zum kleinen Ort Sénergues. Hier legte ich meine heutige Mittagspause ein. In einer kleinen Gastwirtschaft in der Orts-mitte genoss ich ein frisch gezapftes Bier. Es dauerte gar nicht lange, bis Csaba und Marc dort vorbeikamen. Von Barbara keine Spur. Sie hatte bei der letzten Steigung Luftnot bekommen und musste dort pausieren. Marc meinte, sie rauche zu viel. Von dem französischen Trio um Eva war ebenfalls nichts zu sehen. 

Csaba und Marc setzten sich auf meinen Platz vor der Gaststätte, um auf Barbara zu warten. Ich zog alleine weiter. Es ging sanft bergauf und bergab und die Strecke orientierte sich immer in der Nähe der Straße

D 42. Es ergaben sich tolle Ausblicke auf die sanft geschwungene Landschaft des Umlandes und auf imposante Wolkenbilder.

So ging ich einsam meinen Weg, den Kopf völlig frei und erfreute mich an den immer neuen Aus-

sichten.

So vor mich hin-träumend, gelangte ich an den Weiler St. Marcel. Die Landschaft war auf einmal wieder stärker gefaltet. Ganz in der Nähe sollte im Tal mein Tagesziel Conques liegen. Doch von dem Dorf war nicht eine Spur zu sehen.

Etwa einen Kilometer hinter St. Marcel zweigte links ein Pfad von der Straße ab, der es in sich haben sollte. Er verlief ziemlich idyllisch durch ein urbelassenes Waldstück bergab. Das Blätterdach war jedoch so dicht, dass der steinige, steile Fußweg wohl niemals richtig abtrocknet. Entsprechend feucht und von Moosen und Flechten übersät, war der Untergrund. Die Strecke hinab nach Conques war trotz des trockenen Sonnenwetters kein "Zuckerschlecken". An einem Regentag würde ich dringend empfehlen, der Straße nach Conques zu folgen. 

Der rutschige Weg endete wenige Meter vor dem Ortseingang auf der D 42. Das Städtchen liegt, wie auch schon einige Orte zuvor, in der Region Midi-Pyrénées in der noch Okzitanisch ge-sprochen wird.

Viele Ortsschilder der nachfolgenden Dörfer und Städte, aber auch Straßenschilder, sind deshalb zweisprachig ausgelegt. 

Conques schien im Mittelalter stehen geblieben zu sein. Im Stadtkern selbst gab es nicht ein Gebäude neuerer Bauart und selbst am äußersten Ortsrand standen nur wenige moderne Wohnhäuser.

Schnell fand ich meine Unterkunft in der "Abbaye Sainte Foy", einem alten Kloster im Schatten der Kathedrale.

Bereits nach wenigen Metern durch diesen schönen Ort, entschloss ich mich, hier meinen ersten Ruhetag einzulegen, den ich ursprünglich für Figeac geplant hatte.

Um Punkt 16:00 h öffneten sich die Pforten des Klosters und den Pilgern wurde Einlass gewährt. In der Abbaye finden annähernd 100 Gäste in den Schlaf-sälen und in den Zweibett-zimmern ihren Platz. Entsprechend gut aber auch freundlich ist die Aufnahme organisiert. Zunächst werden die angemeldeten Wanderer anhand der Meldeliste aufgerufen und auf die Betten verteilt. Die rest-lichen Schlafplätze werden an unangemeldete Reisende vergeben. Trotz der immensen Schlafkapazität war die Abbaye recht schnell belegt. Ich trug meinen Wunsch vor, für zwei Nächte zu bleiben. Da ich aber nicht krank war, wollte man erst am morgigen Tag entscheiden, ob ich für eine zweite Nacht bleiben könne. 

Im Hof der Abbaye bekam ich von einer freundlichen, jungen Frau meinen Stempel ins Creancial gedrückt. Sie hatte sofort erkannt, dass ich aus Deutschland kam, und wies mich in einem süßen Schwyzerdütsch in die Gepflogenheiten der Unterkunft ein. Die Wander-schuhe mussten grundsätzlich in großen Regalen im Klosterhof gelagert werden. Die Rucksäcke wurden, zum Schutz vor Bett-wanzenübertragung, in große Plastiktüten gesteckt und durften dann so verpackt mit auf das Zimmer genommen werden.

Ich bezog den mir zugewiesenen Schlafsaal. Mit 14 Schlafplätzen in sieben Etagenbetten sollte es der größte auf meiner diesjährigen Tour sein. Da ich früh dran war, hatte ich noch eine gute Auswahl und entschied mich für ein unteres Bett nahe der Zimmertür.

Nach der obligatorischen Dusche und Kleiderwäsche erkundete ich die Stadt. Im Hof traf ich erneut auf die freundliche, junge Frau. Schnell sprang der Funke über und ich erfuhr, dass sie aus der Schweiz kam. Ihr Name war Sylvi. Sie war von Zürich aus über Genf bis hierher gelaufen. Kurz vor Conques hatte sie sich einen Ermüdungsbruch im dicken Zeh zugezogen. Da sie vorerst nicht mehr weiter kam, hatte sie kleine Aufgaben im Klosterbetrieb übernommen und bekam deshalb kostenlos Übernachtung und Verpflegung gestellt.

 

Ich ging eine Runde durch das Städtchen. Bald traf ich wieder auf Csaba, Barbara und Marc. Ich gesellte mich zu ihnen und gemeinsam vertrieben wir uns die Zeit bis zum Abendessen.

Csaba hatte sich mittlerweile eine Blase unter dem Mittelfuß gelaufen, die fast so groß war wie der Fußballen selbst. Barbara hatte ihm mehrere desinfizierte Drainagefäden durch die Blase gezogen. Dennoch hatte Csaba erhebliche Schwierigkeiten beim Laufen.

Der Prämonstratenser Mönch Frère Jean Daniel begrüßte die Pilgerschar zum Abendessen. Gemein- sam wurde anstelle eines Gebetes das Pilgerlied gesungen. Der Mönch lud für, nach dem Essen, zu einer Andacht in die Kathedrale ein, bei der die sechs Mönche der Abtei Lieder vortragen wollten.

Um 19:00 h versammelten sich die Pilger im Speisesaal der Abbaye. An meinem Tisch traf ich erneut auf die Schweizerin Claudia.

Neben einem kräftigen Rotwein wurde eine Fleischpastete, gefolgt von Lasagne, Käse und Gebäck aufgetischt. Ein wahrlich reichhaltiges Mahl.

Danach ging ich gemeinsam mit Sylvi in die Andacht. Der Chorgesang der wenigen Mönche war tief beeindruckend und machte mir eine Gänsehaut. Im Anschluss erklärte einer der älteren Mönche noch die Darstellung des "Jüngsten Gerichtes", einem Meisterwerk der Bildhauerkunst über dem Haupteingang der Kathedrale.

Anschließend ging ich noch eine Runde durch den Ort, um noch einige schöne Nachtaufnahmen zu schießen.