Tag 56. Von Nasbinals nach St.-Chely-d'Aubrac

Am 17.09.2014

Strecke 17 Km (Gesamt 1344 Km)

Irgendwann in der zweiten Nachthälfte zog ein Gewitter auf. Es blitzte und krachte in einem fort. Von Blitz, Donner und dem gleichmäßigen Rauschen des Regens wurde ich gegen 06:30 h wach. Ein erster Blick aus dem Fenster und der Tür verhieß nichts Gutes, der Himmel war grau in grau und die Wolkendecke hing tief.

Da heute nur eine kurze Etappe anstand, hatte ich mit dem Aufbruch keine Eile. Das Ehepaar Abadie, welches in meinem Zimmer übernachtet hatte, hatte wohl bei dem Wetter auch keine große Lust aufzustehen. 

Aus meinen Vorräten bereitete ich mir ein kleines Frühstück und einen großen Kaffee.

Da keine weiteren Gäste im "gîte communal" übernachtet hatten, blieb die Gemeinschaftsküche leer und das Frühstück wurde eine ziemlich einsame Angelegen-heit. Aber immerhin gab es aus dem Radio ein wenig Musik.

Mit dem Packen ließ ich mir Zeit. Nach und nach trug ich meine Habseligkeiten aus dem Zimmer in den Gemeinschaftsraum. Heute verschloss ich die Plastiktüten mit meinen Ausrüstungsgegenständen besonders sorgfältig, um sie regensicher zu machen. Ich wollte durch das hierbei zwangsläufig entstehende Geraschel meine Mitbewohner nicht stören. 

Dann zog ich direkt mein Regenzeug an und verließ im

strömenden Regen den kleinen aber feinen Ort Nasbinals.

Schon nach wenigen Metern zweigte mein Weg von der Dorfstraße ab und sehr schnell befand ich mich wieder in der eigenwilligen Landschaft des Aubrac.

Der nächtliche Regen hatte ein kleines Rinnsal zu einem beachtlichen, schnell fließenden Bach anwachsen lassen, dessen Wasser erdig braun gefärbt war.

Bereits nach einer Stunde Wegstrecke, löste sich das Gewitter auf. Der Nieder-schlag ließ nach und erste blaue Streifen waren am Himmel sichtbar.

Danach klarte es sehr schnell auf. Ich war froh, mein dichtes aber auch nicht atmungs- aktives Regen-zeug wieder

ausziehen zu können. Der weitere Weg verlief über riesige Weide-

flächen und mitten durch Herden von Aubrac-Rindern hindurch. Es gab ausreichend Gelegenheit, aus nächster Nähe in die schönen Augen der Tiere zu schauen. Im Gegensatz zu den, in meiner Heimat lebenden Rindviechern, sind die Tiere des Aubrac wenig ängstlich. Sie wichen nicht einen Schritt zur Seite und man musste sie umlaufen. Den Muttertieren mit ihren Kälbern kam man besser nicht allzu nahe.

Im Laufe des Vormittags holte ich dann meine Weggefährten Ebby und Alain ein und schloss mich ihnen an.

Wir wurden bald von der kanadisch-französischen Gruppe um Csaba überholt. Sie waren nach wie vor schnellen Schrittes unterwegs und unterhielten sich schnatternd in einem englisch-französisch Kauderwelsch.

Am Mittag kam dann der Kirchturm und der "Tour  des Anglais" einem Rest der ehe-maligen Kloster-anlage des winzigen Örtchens Aubrac in Sicht. Ab dem Jahr 1120 wurde hier durch Mönchsritter ein Kloster und ein Hospiz für durchreisende Pilger erbaut. In der Blütezeit der Anlage verteilten sie bis zu 5000 Brotlaibe täglich an Wanderer. An Schlecht-wettertagen wies die "Glocke der Verlorenen", eine Nebelglocke mit ihrem hellen Klang, den Reisenden Tag und Nacht den richtigen Weg in den Ort.

Kurz vor Aubrac, trennte sich der gemeinsame Weg mit Ebby und Alain erst einmal wieder. Die Beiden gingen auf dem ausge-

schilderten Weg, unterhalb der Straße, in den Ort hinein. Ich wollte mir eine prächtige Brunnenanlage ansehen, die direkt an der Straßenabzweigung nach Laguiole lag.

Im Ort Aubrac lud ein Informations-zentrum zur Region zum Verweilen ein.

Hier gab es vielfältige Infos zur Entstehung des Aubrac, zu den Menschen und der Kultur. Zusätzlich wurden typische Waren und Erzeugnisse der Gegend zum Kauf angeboten.

Auf der Aussichts-terrasse legte ich eine Kaffeepause ein und gönnte mir ein großes Stück des regional beliebten Nusskuchens.

Das Stück Kuchen musste ich jedoch eindringlich gegen einige "rotzfreche Mitesser" verteidigen.  

Direkt beim Start fiel mir die Kamera auf den Boden. Die Speicherkarte hatte sich im Slot gelöst und im Display wurde ein Speicherfehler an-

gezeigt. Ich bekam schon eine Krise. Sollten die Bilder der letzten sechs Tage dahin sein? Gott sei dank, fand ich das Problem schnell und alle Fotos waren noch da.

 

Durch diesen kleinen Zwischenfall war ich ein wenig unkonzentriert. Ich hatte noch von der Wegbeschreibung im Kopf "kurz nach dem Ort geht es links von der Straße ab, zunächst durch Wiesen, Weiden und lichten Wald".

 

Das Info-Zentrum befand sich am unteren Ortsrand von Aubrac. Eine schmale Straße führte hier aus dem Ortskern hinaus, talwärts. Nach wenigen Metern zweigte ein weiß-rot gekennzeichneter GR-Weg links von dieser Straße ab und führte über steinig-felsigen Weg bergab. Es gab hier Wiesen, Weiden und lichte Waldstücke, aber auch zwei Stellen, an denen Weidezäune überklettert und eine Stelle an dem ein Bach überquert werden musste, von denen in der Beschreibung nichts erwähnt war. Dieser Umstand kam mir schon recht seltsam vor.

 

Nachdem ich nach etwa zwei Kilometern einen weiteren Bach passierte, führte mein Weg auf einem matschigen Waldpfad bergan. Sofort fiel mir auf, dass im Morast nicht eine einzige frische Schuhspur zu finden war. 

Ich holte erstmals mein Navigationsgerät hervor und bekam bald die Gewissheit, dass ich versehentlich auf den GR 6A gewechselt war.

 

Es blieb mir nichts Anderes übrig, als die zwei Kilometer durch den sonnendurchglühten Wiesenhang wieder hinauf nach Aubrac zu steigen.

 

Hier folgte ich der D 987, die den Ort an seinem oberen Rand passiert. Schon bald zweigte hier der Weg, wie beschrieben, nach links durch Wiesen und Weiden ab.

 

Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, der mich aber Zeit und Kraft gekostet hat.

 

Wie ich Tage später in Conques erfahren sollte, war ich nicht der einzige Pechvogel an dieser Stelle. Eine mehrköpfige Wandergruppe aus dem Frankenland ist dort ebenfalls falsch gelaufen.

 

Also, lieber Pilger, Achtung!

Endlich auf dem richtigen Weg ange-

kommen, änderte sich die Landschaft schnell. Die Bewaldung nahm merklich zu und es wurde wieder bergiger.

Vorbei an Bächen und verwitterten Vulkanschloten führte die Strecke gegen Ende des Tages fast ausschließlich durch Wald bergab zum Tagesziel St-Chely-d'Aubrac.

In dem schönen, alten "Gîte communal" konnte ich den allerletzten Schlafplatz ergattern.

Nach dem Duschen traf ich im Gemeinschaftsraum meine ursprünglichen Weggefährten Csaba, Barbara, Marc sowie Eva, Constant und Bastien, die ebenfalls hier untergekommen waren. Gemeinsam verbrachten wir den Rest des Nachmittags auf der sonnigen Terrasse eines Restaurants.

Auf dieser Terrasse fiel die Entscheidung gemeinsam zu Kochen. Es sollte Crêpes mit Schinken, Käse, Speck, Pilzen oder süßem Belag geben. Zusammen besorgten wir die Zutaten. Eva und Bastien gaben die Köche.

Nach der gemeinsamen "Schnippelarbeit" fand sich die Zeit für persönliche Notizen oder einen kleinen Aperitif in vertrauter Runde.

Bald duftete es gut in der Küche und weitere Pilger kamen hinzu, die für einen kleinen Obulus in die Reisekasse des jungen französischen Trios am Gemeinschaftsessen teilnehmen konnten. 

Die individuell belegten Crêpes schmeckten vorzüglich und Einige waren froh, dass es reichlich Nachschlag gab.

 

An dieser Stelle ein großes Lob an die Köche Eva und Bastien.

Es war unglaublich, woher die Tischgemeinschaft noch die eine oder andere Flasche Wein hervorzauberte. Die frankophonen Teilnehmer, darunter auch einige Kanadier, trugen gemeinsam Lieder vor. Es wurde ein lustiger, feucht-fröhlicher Abend, der erst in den späten Abend-stunden enden sollte.