Tag 74. Von Aire-sur-l'Adour nach Miramont-Sensacq

Am 05.09.2015

Strecke 25 Km (Gesamt 1813 Km)

Ich habe super in meinem Dreibettzimmer geschlafen. Das Wetter sah heute, nach einem ersten Blick aus dem Fenster, ganz annehmbar aus. Es war bewölkt mit großen Wolkenlücken.

 

Ich packte meinen Rucksack, den man in dieser Unterkunft wieder im Eingangsbereich im Erdgeschoss lassen musste. Danach fand ich mich zum Frühstück ein. Die beiden Pilger aus Luxemburg und Hellmut waren schon da.

 

Gegen 08:15 Uhr verließen wir das Gîte und warteten auf der Straße davor erst einmal auf Jean-Claude. Dieser hatte sich heute Zeit gelassen. Als wir uns nach etwa 20 Minuten Wartezeit ohne ihn auf den Weg machen wollten, kam er endlich am Fuße der steilen Straße um die Ecke gebogen.

 

Gemeinsam folgten wir dann der Beschilderung des Jakobsweges bergwärts. Diese ist in Aire-sur-l'Adour in Form von Pfeilen alle paar Meter in den Gehweg eingelassen. Nach passieren der Benediktinerabtei "St. Quitterie" verließen wir bald die Stadt. 

Auf guten Wegen erreichten wir bald einen kleinen Stausee, dessen Wasserspiegel sehr weit abgesenkt war.

 

 

Im Bereich des Wasserzulaufs waren so einige bizarre Baumstümpfe erkennbar, die bei Anlegung des Sees offensichtlich nicht gerodet worden waren.

Nachdem der See erst einmal hinter uns lag, ging es längere Zeit durch einen feuchten Laubwald. Hier führten Brücken über kleine Bäche und es galt längeren Holzstegen zu folgen, mit denen die kostbare Flora und Fauna der sumpfigen Landschaft vor den Fußstapfen der Pilger geschützt wurde.

Im weiteren Verlauf führten heute vornehmlich schmale, flach verlaufende Teerstraßen durch immer neue Maisfelder.

Der Maisanbau hatte mittlerweile den Anbau jeglicher anderer Agrarpflanzen abgelöst, eine wahre Monokultur. 

 

Wo sich doch einmal ein Blick in die Ferne ergab, war die Bergkette der Pyrenäen bereits am Horizont erkennbar.

Gegen 13:00 Uhr erreichten wir die kleine Ortschaft Miramont-Sensacq. Wir lagen gut in der Zeit, da wir nach unserer eigenen azyklischen Planung heute nur bis zur "Ferme Marsan" laufen wollten. Dies sollte in etwa zwei Stunden geschafft sein.

Hier in Miramont-Sensacq erhob sich direkt neben einer alten Kirche ein moderner, weiß getünchter Wasserturm.

Die beiden gegensätzlichen Bauwerke boten vor dem mittlerweile stahlblauen Himmel einen interessanten Anblick.

An einem schönen Pique-nique Platz in Nähe des Ortsaus-ganges legten wir eine kleine Pause ein.

 

Durch Wälder und Weiden laufend erreichten wir am Nachmittag unsere Unterkunft, die gepflegte "Maison Marsan".

Hier wurde uns nicht nur einfach ein Zimmer zugeteilt, nein wir erhielten eine komplette kleine Ferienwohnung, bestehend aus Wohnküche, zwei Schlafzimmern sowie Bad und WC. Direkt vor dem Wohnungszugang in der ersten Etage befand sich eine kleine, überdachte Holzterrasse mit Gartenmöbeln. Ein gemütlicher Abend war somit gesichert.

Die Bäuerin öffnete für uns ihren Hofladen, eine wahre Fundgrube an Delikatessen. Neben frischem Obst, Brot und Wein gab es hier selbst zubereitete Konserven mit Geflügelsuppen, Eintöpfen, Gänseleberpastete und diverse, unterschiedlich gewürzte Geflügelterrinen zu kaufen. Für unser Abendessen deckten wir uns hier reichlich ein.

Natürlich durften auch ein / zwei Fläschen Wein nicht fehlen.

 

Nachdem das Abendessen gesichert war, setzte ich mich bei einem Glas Wein auf die Terrasse, um meine Tagesnotizen zu machen und eine SMS in die Heimat zu schicken.

 

Hier bemerkte ich erstmals, dass mein linkes Fußgelenk leicht geschwollen und der Schienbeinansatz darüber gerötet war und schmerzte.

Noch maß ich den Beschwerden keine besondere Bedeutung bei. Ich cremte den betroffenen Bereich mit einer entzündungshemmenden Sportsalbe ein und hoffte auf Besserung.

 

Eine vergebliche Hoffnung, wie ich in den nächsten Tagen schmerzlich erfahren sollte.

Bei Sonnen-untergang wurden wir von drei französischen Pilgerinnen angesprochen, die ebenfalls auf der Ferme unter-gekommen waren.

 

 

 

 

Sie hatten Helmut und mich in der Kirche von Miramont-Sensacq am Mittag singen bzw. mitsummen gehört.

 

Sie forderten uns auf, zum Tagesabschluss gemeinsam das Pilgerlied "Ultreia, ultreia" mit ihnen zu singen.

 

Eine Bitte, die wie schwerlich abschlagen konnten, da eine der Pilgerinnen extra den Liedtext für uns aufgeschrieben hatte.

Ich kannte die Melodie des Liedes und den Refrain schon aus dem vorigen Jahr, wo ich es in Le Puy und in Conques mehrfach gehört hatte.

 

Jean-Claude und Hellmut war das Lied völlig unbekannt. In der Abendsonne wurde kurz, aber intensiv geprobt.

 

Ich glaube, dass wir danach gemeinsam, mit unseren französischen Weggefährtinnen auf dem Hof der Unterkunft, einen ganz passablen Liedvortrag abgeliefert haben.

Irgendwann knurrte uns dann auch der Magen.

In der Küche bruzzelte Jean-Claude auf die Schnelle ein Paar Spiegeleier. Und während er begeistert ein dünnes (aber wohl schmackhaftes) Süppchen mit Geflügelteilen, Gemüse und wenigen Bohnen aus dem Hofladen genoss, begnügten Hellmut und ich mich mit den Spiegeleiern, Brot, Tomaten und einer Dose Paté.  

 

Gemeinsam setzten wir uns noch ein wenig auf die Terrasse und gingen dann zu Bett. Mein Schienbein schmerzte immer noch merklich.