Tag 77. Von Arthez-de-Bearn nach Cambarrat

Am 08.09.2015

Strecke 8 Km (Gesamt 1846 Km)

In der Nacht hatte ich gut und schmerzfrei geschlafen. Das Medikament schien anzuschlagen. Gegen kurz nach 07:00 Uhr standen wir auf und packten die Rucksäcke.

 

Für unser Frühstück mussten wir zurück in den Ortskern, da es in der Backstube einer Bäckerei serviert wurde. 

In der Backstube war es wohlig warm und es duftete nach Brötchen und frischem Gebäck. Gemeinsam mit den Bäckergesellen und anderer Laufkundschaft tranken wir hier in einem Raum zwischen Verkaufsraum und Backstube (inmitten von Rollwagen mit Kuchen und frischen Backwerk) unseren Kaffee und aßen unser Frühstück.

 

Ein Zustand, der in Deutschland wohl kaum von den Gesundheits-behörden geduldet würde.

 

Aber auch Frankreich hatte hier so seine eigenen Spielregeln.

Um ein Baguette zu kaufen, musste ich den "Frühstücksraum" durch den Seiteneingang des Hauses verlassen, um das Geschäft von der Straße her durch die Ladentür zu betreten. Der direkte, türlose Zugang vom "Frühstücksraum" in den Verkaufsraum war, Gott allein weiß warum, für Kunden untersagt.  

 

Nachdem wir gefrühstückt hatten, verabschiedeten wir uns, ein wenig wehmütig, von Hellmut, der ab heute alleine weiter zog.

Ich hatte den Entschluss gefasst, meinen Rucksack zu erleichtern und mich deshalb von einigen Ausrüstungsgegenständen zu trennen. Die ausgesonderten Gegenstände wollte ich mit der Post nach Hause senden.

Da die "La poste" erst um 10:00 Uhr öffnete, ging ich mit Jean-Claude auf den Dorfplatz um hier einen weiteren Kaffee zu genießen.

Hier vertrieben wir uns die Zeit mit dem verspielten Welpen eines Pyrenäenhundes, der zur Gaststätte gehörte.

Es sollte abermals ein schöner, sonniger Tag werden.

Auf dem Parkplatz neben der Post sortierte ich meinen Rucksack aus:

Mein Leichtzelt, einige Kleidungsstücke, Alu-Tasse, französisches Wörterbuch und Reisebeschreibung fielen dem zu Opfer.

Endlich öffnete die Postfiliale. Eine sehr freundliche Angestellte half uns, einen geeigneten, stabilen Pappkarton aus dem Postsortiment für meine Sendung auszuwählen.

 

Nachdem der Karton gepackt war, gab ich ihn auf, und es traf mich der Schlag. Für die ca. drei Kilo Bruttogewicht des wirklich praktischen Faltkartons musste ich 55 Euro Porto nach Deutschland bezahlen.

 

Das passiert mir nicht noch einmal. Im nächsten Jahr werde ich wirklich mit minimalistischer Ausrüstung starten. Sollte ich mal keine Unterkunft finden, wird's dann halt eine harte Nacht.

Nachdem ich am EC-Automaten meinen Bargeld-bestand ein wenig aufgefrischt hatte, machten wir uns gegen kurz vor 11:00 Uhr endlich auf den Weg. Dieser verlief heute eher flach durch eine weite, offene Landschaft.

Nach der morgendlichen entzündungshemmenden Schmerztablette kamen wir erstaunlich problemlos voran. Ich merkte immer noch, dass im linken Bein etwas nicht in Ordnung war, aber der unerträgliche Schmerz von gestern war wie weggeblasen.

So gingen wir ohne jegliche Hast unseren heutigen kurzen Weg und legten hierbei viele Pausen ein.

 

Bereits am sehr frühen Nachmittag erreichten wir unser heutiges Tagesziel, das Gehöft "Cambarrat", welches hinter dem Örtchen Argagnon mitten im Wald liegt.

 

Hier hatte Jean-Claude uns nach einem langen Telefonat angemeldet. Die Zimmer des Hofes waren restlos ausgebucht und der Hospitalero "Nicolas" ließ sich nur unter Hinweis auf meine Beschwerden dazu überreden, uns beide noch aufzunehmen.

Ich war sehr darauf gespannt, wo und wie uns Nicolas unterbringen würde. Doch das Rätsel wurde schnell gelöst.

Etwas abseits aber in Sichtweite des Haupthauses standen mehrere kleine Bauwagen im lichten Wald. Sie waren farbenfroh angestrichen und innen gemütlich eingerichtet. Die beiden uns zugewiesenen Bauwagen boten gerade mal Platz für jeweils eine Person, es gab aber auch etwas größere Wagen für zwei Personen.

Nach dem Duschen verbrachten wir den Rest des sonnigen Nachmittags vor unseren Bauwagen und planten für die nächsten Tage.

Kurz nach Sonnenuntergang wurde es unter den Bäumen schnell feucht und kalt.

 

Nachdem wir uns etwas dicker angezogen hatten waren wir recht froh, als Nicolas um 19:00 Uhr zum Abendessen rief.

 

Um den langen Küchentisch herum scharten sich dicht an dicht Pilger. Die meisten von ihnen hatten wir bislang noch nicht getroffen.

Aufgrund unserer heutigen kurzen Strecke hatten wohl viele zu uns aufgeschlossen, die bislang eine Tagesetappe hinter uns waren.

Am heutigen Abend wurde ein bäuerlich, deftiges Essen gereicht.

 

Als Vorspeise gab es eine pfeffrig gewürzte Terrine nach Art des Hofes.

 

Als Hauptgang wurde dann ein Pfannengericht bestehend aus Bohnen, Erbsen, Kräutern, Schinken und gepökeltem Fleisch serviert. Ein ungewöhnliches aber schmackhaftes und extrem sättigendes Gericht.

 

Als Dessert gab es danach einen mürben Zitronenkuchen.

Ich hatte mich am Mittag schon ein wenig über die Bedeutung des Banjos im Stempel des Hofes gewundert. Aber auch dieses Rätsel sollte gelöst werden:

Nachdem alle Pilger gesättigt waren, ließ es sich Nicolas nicht nehmen, zum Abschluss des Abends einige Stücke auf seinem Lieblingsinstrument, dem Banjo, vorzutragen.

 

Hier, mitten im Wald, auf dem Hof "Cambarrat", muss es wohl sehr lange Abende geben.

Wie sonst hätte es Nicolas zu dieser Perfektion bringen können. Er interpretierte auf seinem fünfsaitigen Instrument klassische Stücke, populäre Musik und amerikanischen Bluegrass in absolut gekonnter Art und Weise. Ein Nachtisch der besonderen Art.

Nur langsam löste sich die abendliche Runde auf. 

Ich tastete mich in der Dunkelheit zu meinem Wagen.

Ich war satt, ich war müde, der Fuß schmerzte kaum noch und ich schaute wesentlich positiver in die Zukunft, als noch am gestrigen Vormittag.