Tag 71. Von Condom nach Eauze

Am 02.09.2015

Strecke 33 Km (Gesamt 1742 Km)

Heute hatten wir wider ein wenig verschlafen. Erst um 07:15 Uhr fanden wir uns bei einem einfachen Frühstück ein. Charlotte hatte alles vorbereitet und bereitgestellt. Gemeinsam mit den Pilgerinnen aus Lausanne und Toulouse frühstückten wir und Hellmut übte sich in französischer Konversation.

Nach dem Aufbruch gingen wir zunächst wieder in die Stadt. Direkt an der Kathedrale befindet sich ein Denkmal mit den überlebens-großen Figuren der vier Musketiere. Ich denke, dass sich schon so mancher Pilger mit seinen Stöcken / Stock als 5. Mitglied in dieser Figurengruppe ablichten ließ.

Danach ging es zunächst ein Stück des Weges zurück. Wir verließen Condom und überquerten die träge fließende "Baise", deren Fluten sich nach dem Unwetter von Vorgestern lehmig braun gefärbt hatten.

Schon bald befanden wir uns wieder in einer Landschaft die überwiegend von braunen, ausgetrockneten Sonnenblumenfeldern dominiert wurde.

 

Wir hatten den Tipp bekommen, einen kleinen Umweg auf uns zu nehmen, um der Bastide Larresingle einen Besuch abzustatten.

 

Obwohl wir heute eigentlich spät dran waren, haben wir den Abstecher dorthin eingelegt und wurden nicht enttäuscht. Das ab 1286 erbaute Dörfchen ist mit einer ca. 270 m langen Wehrmauer umschlossen und komplett erhalten. Ein magischer Ort, an dem der Zahn der Zeit kaum genagt hat 

Hier in Larresingle trafen wir auf eine fröhliche, vierköpfige Radler-gruppe aus der Schweiz. Alles junge Männer um die 18 Jahre, die mit ihren Rädern auf dem Weg nach Santiago de Compostela waren.

 

Nach einem kurzen Gespräch mit ihnen suchten wir die kühle Wehrkirche "St-Sigismond" auf, in der Hellmut mit seiner schönen Stimme abermals das Kirchenlied "So nimm denn meine Hände" anstimmte. Nachdem ich dieses Lied nun schon wiederholt von ihm gehört hatte, gefiel es mir allmählich und ich fing an, die Melodie mit zu summen.

 

Als wir die Kirche verließen, traf uns der Schlag. Obwohl es erst Vormittag war, gab die Sonne ihr Bestes und es war schon wieder sehr heiß. Die Gaststätten in Larresingle hatten noch geschlossen. So begnügten wir uns mit einem Schluck Wasser und setzten unseren Weg fort.  

Vor den Mauern des Dorfes hatte sich ein Wanderer seiner alten Schuhe entledigt, diese baumelten als stiller Wegweiser in den Ästen eines Baumes.

 

Auf der stark abschüssigen Straße von Larresingle hinunter ins Tal überholten uns johlend die jungen Radfahrer und wir riefen ihnen ein gut gemeintes "Buen Camino" hinterher.

Immer weiter ging es durch die wiederholt sanft geschwungene Landschaft der Gascogne.

 

Die hässlichen Sonnenblumenfelder wurden mehr und mehr durch Getreidefelder und Weinbauflächen abgelöst. 

 

Da die Weinlese noch im Gange war, fanden sich hier und da noch köstliche Trauben, die den Grundstock für den hier typischen Armagnac bilden.

Hier gab es auch zahlreiche Feigenbäume, und dort wo sie auf Grundstücken standen, hatten die Eigentümer Schalen und Körbchen mit den leckeren Früchten an den Wegesrand gestellt. Die Vitaminversorgung war somit am heutigen Tag mehr als gesichert. 

Irgendwann am frühen Nachmittag erreichten wir Montréal-de-Gers.

 

Hier machten wir in einem schönen Laubengang erst einmal Pause und gönnten uns zwei erfrischende Biere.

Nach dem Aufbruch in Montréal-de-Gers gesellte sich ein großer Hund, eine Promenadenmischung zu uns. Er folgte uns für mehrere Kilometer und ging dann seines Weges. Dieser führte uns nun eben und schattig auf alten Bahntrassen durch die Wälder. Die Strecke war einfach zu laufen, aber sie zog und zog sich. Letztendlich legten wir im Gîte "Casa de Elena" bei Lamothe eine weitere Erfrischungspause ein.

Auch nach dieser zweiten Pause ging es noch für weitere Kilometer über die alte Bahntrasse. Der heutige Tag hat mich ganz schön geschafft, so dass ich für gelegentliche landschaftliche Schönheiten kaum noch ein Auge hatte.

Dann endlich kam der Ort Eauze mit seiner mächtigen Kirche in Sicht.

 

 

 

Jetzt galt es nur noch unsere Unterkunft zu finden. Charlotte hatte uns bei ihrer Freundin Nadine angemeldet, und das war auch gut so.

Ihr Haus lag etwa zwei Kilometer hinter dem Ortskern und wir erreichten es, total geschafft, erst um 19:15 h.

 

Nadine und die anderen Gäste hatten das Abendessen uns zu Liebe um eine gute Stunde nach hinten verlegt.

So blieb uns noch Zeit für eine kurze Dusche, bevor wir uns mit zwei weiteren französischen Ehepaaren in der geräumigen Wohnküche zum Essen einfanden.

 

Das Abendessen war grandios und bestand aus einer würzigen Gazpacho, gefolgt von Schinken aus dem Baskenland, gefolgt von Nudeln mit Gulasch und gebratenen Geflügelkeulen, gefolgt von Pfirsichkuchen.

Vorab gab es einen landestypischen "Floc de Gasgcogne", zum Essen wurde Rotwein und als Digestiv ein alter Armagnac gereicht. 

 

Einer der Franzosen erklärte mir begeistert, was man in dieser Gegend unter "Canard" versteht. Eine Ente, soviel sagten mir meine geringen französisch Sprachkenntnisse.

Aber nein, es handelte sich um ein großes Stück Würfelzucker, den man zunächst satt mit Armagnac tränkt und dann im Munde zergehen lässt. 

 

Nachdem sich die Essensrunde aufgelöst hatte, setzte ich mich mit Hellmut noch in die Gemeinschaftsküche bei den Schlafräumen, die mit einer großen Comic-Wandzeichnung versehen war. 

Bevor wir zu Bett gingen, genossen wir noch gemeinsam ein Bier und machten unsere Notizen zum heutigen Tag