Tag 72. Von Eauze nach Arblade-le-Haute

Am 03.09.2015

Strecke 23 Km (Gesamt 1765 Km)

Da heute eine relativ kurze Etappe anstand, konnten wir uns nach dem gestrigen, unterhaltsamen Abend heute erst einmal Zeit lassen. So sind wir heute bewusst erst um 07:30 Uhr aufgestanden. Nachdem die Rucksäcke gepackt waren, begaben wir uns wieder in die Wohnküche, um hier zu frühstücken.

Nach und nach trudelten auch die beiden französischen Ehepaare ein. Sie waren als Radtouristen mit ihren Elektro-Fahrrädern in der Gascogne unterwegs und hatten daher mit Streckenlängen und den dafür benötigten Wegezeiten so gar nichts am Hut. 

 

Um 08.45 Uhr verabschiedeten wir uns und machten uns frisch gestärkt auf den Weg.

 

Am Ortsausgang von Eauze passierten wir ein Haus, dessen Grundstück nahezu komplett zugewuchert war.

 

Allerdings wirkte das Ganze Ensemble keineswegs verwahr-lost.

 

Der Wildwuchs bestand aus einer Vielzahl exotischer Pflanzen und Blumen, so, als hätte man ein Stück Urwald nach Europa verpflanzt.

Der Himmel war heute morgen bedeckt und es war eher kühl, deshalb kamen wir über Feld-, Wald- und Wirtschaftswege gut voran und gönnten uns einige kleinere Verschnaufpausen. 

Die Weinanbauflächen wurden heute immer häufiger von Maisfeldern abgelöst, die allesamt noch nicht abgeerntet waren. Hin und wieder ging es auch durch kleine Wälder.

Bereits in den frühen Mittagsstunden erreichten wir den kleinen, verschlafenen Ort Manciet, der etwa auf der Mitte unserer heutigen Tagesetappe lag.

 

 

Kaum ein Einwohner war zu diesem Zeitpunkt in den Straße anzutreffen.  

 

Hier, in diesem unscheinbaren Nest, stießen wir jedoch erstmals auf eine, wenn auch sehr einfache, Stierkampfarena. Ein untrügliches Zeichen, dass wir dem Baskenland und Spanien ein deutliches Stück näher gekommen waren. 

Allmählich klarte es auch endlich auf und die Sonne kam hervor.

Förmlich eine Einladung, auf der Terrasse eines Restaurants Platz zu nehmen, um bei einem kühlen Bier die Seele baumeln zu lassen. 

Nach etwa einer Stunde nahmen wir unseren Weg wieder auf.

Es ging, wie schon am Vormittag, über gute Wege unserem Ziel Nogaro entgegen.

Hier, auf dieser Strecke, begegneten wir erstmals einem alleine laufenden, sympathischen Franzosen, den wir noch am gleichen Abend näher kennen lernen und der für mich persönlich auf meinem weiteren Weg eine große Rolle spielen sollte.

Hier, inmitten von Wein- und Maisfeldern, stießen wir auf einen großen hölzernen Hinweis, dass wir uns dem

"Greenwich Meridian" also auf dem

0. Längengrad

befanden.

 

Ich lief vor mich hin und grübelte, hatte ich doch bis zu diesem Moment fest daran geglaubt, mich bereits deutlich westlich davon zu befinden.

Aber, zurückgekehrt in die Heimat, hat mich ein Blick auf die Europakarte eines besseren belehrt.

So lief der Tag dahin und am frühen Nachmittag erreichten wird den Ortseingang von Nogaro.

Wir standen vor einem kleinen Dilemma, alle Geschäfte machten noch Mittagspause und es war viel zu früh, um unsere Unterkunft anzulaufen.

Zudem gab es in Nogaro nicht wirklich viel zu sehen. Eine typische französische Kleinstadt mit einer stark befahrenen Hauptdurchgangs-straße. Nachdem wir einen Rundgang durch die dortige Kirche gemacht und uns einen Stempel in der örtlichen Tourist-Information geholt hatten, entschlossen wir uns, die Wartezeit bis zur Öffnung unserer Gîte mit einem Bier zu verkürzen.

Wir mussten ein ganzes Stück durch den Ort zurücklaufen, bevor wir eine Restaurant-Terrasse erreichten, die wir zuvor schon passiert hatten.

 

Auf diesem Rückweg, trafen wir erneut auf den französischen Einzelpilger und kamen in ein kurzes Gespräch. Wir erfuhren, dass er sich in dem gleichen Gîte wie wir angemeldet hatte. Zudem zeigte er sich von der Idee, unseren Durst mit einem Bier zu löschen, begeistert. 

Kurzerhand begleitete er uns.

 

Im Gespräch erfuhren wir, dass sein Name Jean-Claude war und er aus der Gegend um Toulon / Südfrankreich kam. Er sprach, ungewöhnlich für einen Franzosen, ein gutes Englisch.

Nunmehr zu Dritt bestritten wir den Rest unseres heutigen Weges und erreichten unsere Unterkunft, das "Arbladoise", ein altes Herrenhaus, an welches ein flacher Anbau mit modernen Pilgerunterkünften angebaut wurde. 

Nach der Anmeldung und der Zimmerzuteilung gaben wir erst einmal unsere verschwitzte Wäsche in die Waschmaschine.

Wir Drei hatten ein Vierbettzimmer mit eigener Dusche und WC zugeteilt bekommen.

 

Das vierte Bett wurde von Daniel, einem wortkargen, traurig wirkenden Franzosen belegt. Auch ihn hatten wir bereits in den letzten Tagen mehrfach flüchtig gesehen.

Nachdem eine Dusche unsere Lebensgeister neu geweckt hatte, verbrachten wir noch einige Zeit im Gespräch auf der Terrasse und genossen den liebevoll angelegten Garten des Anwesens.

 

Um Punkt 19:00 Uhr fanden sich alle Gäste des Hauses in einem prachtvollen Speisesaal des Haupthauses ein, der jedem Schloss zur Ehre gereicht hätte. 

An einer langen, weiß eingedeckten, herrschaftlichen Tafel mit Kristallgläsern nahmen alle Pilger Platz.

Der Hausherr erhob das Wort und erläuterte in einer langen Einführung die bewegte Geschichte des Hauses.

Leider sprach er hierbei so schnell und blumig in Französich, dass selbst Hellmut das Gesagte nur teilweise verstand und mir dann das Verstandene zutuschelte.  

Der Maître erhob abschließend sein Glas mit "Floc de Gascogne" um allen Anwesenden einen guten Appetit und einen schönen Abend zu wünschen.

 

Das Menü:

- Spalten unterschiedlicher Melonen          

- Toast mit angeschmolzenem Ziegenkäse und Salat

- Schweinegulasch mit Reis

Dessert: eine Cremespeise

Das Ganze natürlich begleitet von so manchen Glas Rotwein oder auch Rosé.

 

Bei diesem Essen gab es wieder einmal dieses von mir geliebte Sprachwirrwar aus französisch, englisch, italienisch, schwyzerdütsch und deutsch. Jeder sprach mit Jedem, man verstand nicht unbedingt die Sprache des Anderen, aber man verstand, was zum Ausdruck gebracht werden wollte. Genial diese Abende.

 

Nach dem Abendessen setzten sich Hellmut, Jean-Claude und ich noch bei einem allerletzten Glas Rotwein auf die Terrasse. 

Gemeinsam planten wir die bevorstehenden Tage und änderten hierbei drei sehr lange Tagesetappen in vier angenehme Touren um.

 

Jean-Claude brachte hierbei zum Ausdruck, dass er aufgrund eines Knieproblems maximal 25 Kilometer am Tag laufen würde.

Dieses kam mir sehr entgegen, da 25 Kilometer auch für mich als Tagesdistanz gut zu bewältigen sind.

Hellmut hingegen hatte einen festen Rückflugtermin ab Pamplona geplant. Rein rechnerisch hätten sich so Tagesetappen von mindestens 30+ Kilometer ergeben.

 

Durchaus machbar bei einfachem Gelände und guten Wegen, aber ich war ja schließlich nicht auf der Flucht.

 

Abschließend planten wir, die nächsten vier Tagestouren bis nach Arthez-de-Bearn gemeinsam zu gehen.

 

Nachdem dieser Entschluss gefallen war, begaben wir uns zu Bett.

Daniel schlief zu diesem Zeitpunkt schon tief und fest und schnarchte, was das Zeug hielt.