Tag 76. Von Fichous-Riumayou nach Arthez-de-Bearn

Am 07.09.2015

Strecke 7 Km (wg. Abbruch d. Etappe), sonst etwa 20 Km, (Gesamt 1838 Km)

Ich hatte die letzte Nacht sehr schlecht geschlafen, obwohl ich ein Zimmer für mich alleine hatte.

Ich wusste nicht wohin mit dem schmerzenden Bein. Die Wärme unter der Bettdecke tat gar nicht gut aber außerhalb der Bettdecke schmerzte es auch.

 

Bereits ziemlich genervt stand ich auf und packte meinen Rucksack.

Die Stiege hinab in die große Wohnküche des Bauernhauses war bereits eine Tortur für mich, da jeder Schritt links schmerzte.

 

Ich hatte keinen Hunger und trank lediglich zwei große Tassen Kaffee und einen Orangensaft. In der Hoffnung auf baldige Wirkung nahm ich erneut eine Schmerztablette.

 

Während die beiden luxemburger Pilger ihren Weg ab dem Hof zu Fuß fortsetzten, wurden wir drei von Jean-Michel wieder auf die Höhe bei Fichou-Riumayou hinauf gefahren. Unweit der Stelle wo wir gestern Nachmittag von ihm abgeholt wurden setzte er uns wieder ab.

Er wies uns den weiteren Weg und wünschte uns einen "Buen Camino".

Danach preschte er mit seinem Geländewagen davon und ließ uns in einer Staubwolke zurück.

 

Wir setzten die Rucksäcke auf und folgten einer kleinen Teerstraße. Schon bald fiel ich zurück. Ich merkte, wie ich immer mehr in eine Schonhaltung verfiel und letztlich mit dem linken Fuß überhaupt nicht mehr abrollte. Auch die Nutzung meiner Trekkingstöcke brachte nicht die geringste Entlastung oder Linderung.

Dafür, dass sich die Bergkette der Pyrenäen bereits deutlich vor dem Morgenhimmel abzeichnete, hatte ich heute kein Auge. Vielmehr machte mich Hellmut darauf aufmerksam und ich schoss eher lustlos ein Foto von dem beeindruckenden Anblick. 

Von nun an ging's bergab, und das im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Die Teerstraße führte jetzt, mehr oder weniger steil, ins Tal.

Die Abstände zwischen uns zogen sich immer mehr auseinander. Hellmut lief mit gewohnt schnellen Schritt voran. Jean-Claude, der mit seinem Knie bergab immer zu kämpfen hatte, fiel langsam hinter Hellmut zurück.

 

Und ich, ich verlor selbst Jean-Claude langsam aber immer mehr aus dem Blick. Erst waren es nur ein paar Meter, dann 100 Meter, irgendwann hatte ich den Anschluss an die Beiden völlig verloren.

 

An ein bergab gehen mit dem linken Fuß war überhaupt nicht mehr zu denken. Ich konnte ihn lediglich nur noch direkt unter der Körperachse aufsetzen, einen vorsichtigen Schritt mit rechts machen, danach beide Trekkingstöcke aufgesetzt, Druck auf die Arme und den linken Fuß wieder unter die Körperachse heben. Jegliche Abrollbewegung des Fußes wurde mit einem erbarmungslosen, stechenden Schmerz im Schienbein geahndet.

An einem alten Waschplatz im Tal warteten meine beiden Weggefährten auf mich.

Ich nutzte die kurze Pause dazu, eine weitere Schmerztablette einzunehmen. 

Irgendwie musste ich es heute bis in die nächste größere Stadt schaffen, um dort einen Arzt aufzusuchen.

Nach der kurzen Pause am Waschplatz ging es wieder bergauf, hinauf nach Uzan. Seltsamerweise schmerzte der Fuß beim bergan gehen fast gar nicht. Aber in dem kleinen Örtchen wurde die Straße wieder flacher und die Tortur begann erneut.

Hellmut und Jean-Claude statteten der kleinen Dorfkirche einen Besuch ab. Ich hatte heute dazu keine Lust.

 

Von Schmerzen getrieben lief ich rastlos vorsichtig umher. Gehen tat weh, stehen bleiben auch, den Fuß unbelastet anheben ebenso. 

 

Plötzlich wurde mir klar: Das ist heute das Ende meiner diesjährigen Tour. Sollte das, worauf ich mich ein langes Jahr gefreut und vorbereitet hatte, bereits am 10. Tag beendet sein?

Ich warf meinen Rucksack in die Ecke eines Wartehäuschens auf dem Dorfplatz und setzte mich auf die daneben stehende Holzbank.

Schluss,Aus, Ende, nichts ging mehr und eine Träne des Schmerzes und der Enttäuschung rann mir über die Wange.

 

Hellmut und Jean-Claude fanden mich auf dem Dorfplatz als ein Häuflein Elend vor und redeten tröstend auf mich ein. Nachdem ich mich ein wenig beruhigt hatte, wurden neue Schlachtpläne geschmiedet.

 

Ein Weitergehen war für mich undenkbar, also musste ein fahrbarer Untersatz her. Eine Buslinie gab es hier in der tiefsten Provinz nicht, oder bestenfalls frühmorgens für einige wenige Schüler. Jean-Claude telefonierte nach einem Taxi, welches aber von weit her hätte anreisen müssen und allein deshalb schon eine astronomische Summe gekostet hätte.

 

Während wir dort saßen und nach einer Lösung für mein Problem suchten, kam ein junges Ehepaar mit ihrem Hündchen vorbei.

Sie erkannten sofort, dass wir ein Problem hatten und fragten, ob sie uns behilflich sein könnten.

 

Jean-Claude erklärte seinen Landsleuten die Situation. Der junge Mann sagte, es sei überhaupt kein Problem, wir mögen uns ein paar Minuten gedulden. Danach setzte er mit seiner Frau und dem Hündchen seinen Spaziergang in aller Ruhe fort.

 

Nach etwa 5 Minuten kam der junge Mann mit dem Kleinwagen eines Installationsbetriebes vorgefahren. Jean-Claudes und mein Rucksack wurden auf der Ladefläche verstaut und wir beide quetschten uns zwischen Rohre, Werkzeugkoffer und Maschinen in das staubige Gefährt. 

 

Während Hellmut den für heute geplanten Weg nach Arthez-de-Bearn zu Fuß fortsetzte, fuhr uns der junge Mann mit seinem Wagen die etwa 18 Straßenkilometer geradewegs dorthin.

Er setzte uns dort direkt vor der Türe einer Arztpraxis ab, verab-schiedete sich und wünschte mir alles Gute. Die Annahme von 30 Euro für Benzin und seine Bemühungen lehnte er, fast gekränkt, ab.

 

Da war es wieder, dieses kleine kleine Wunder auf dem Jakobsweg, wie ich es ähnlich bereits schon einmal in Moroges erleben durfte.

Dieser Moment in ziemlich auswegloser Situation, in dem einem unverhofft von einer völlig fremden Person Hilfe zuteil wird.  

 

Meine Laune besserte sich nach diesem Erlebnis deutlich.

 

Jean-Claude sprach bei der Empfangsdame in der Arztpraxis vor, schilderte mein Problem und bat darum, noch am heutigen Tag einen Termin beim Doktor zu bekommen.

Die Dame sagte, wir sollen uns in das Wartezimmer setzen und uns gedulden. Im Wartezimmer befanden sich zu diesem Zeitpunkt bereits fünf oder sechs Patienten, die zeitunglesend auf ihren Termin warteten.

 

Nach wenigen Minuten öffnete sich die Tür des Wartezimmers und ein ergrauter, freundlicher Herr, Dr. Roumas, fragte: "Les Pelerins?".

Vor allen fest terminierten Patienten durften wir ihm in sein Behandlungszimmer folgen.

 

Jean-Claude erklärte abermals mein Problem. Der Doktor schaute mein Sprunggelenk und Schienbein an und diagnostizierte letztendlich "Tendenite!", also eine Tendenitis, eine Sehnenentzündung.

Er verordnete mir die in den letzten Tagen bereits angewandte Sportsalbe und ein entzündungshemmendes Medikament in Tablettenform. Dazu Kühlung, ein / zwei Tage Ruhe und viel trinken.

 

Nachdem der Arzt das Rezept ausgestellt hatte, bat ich Jean-Claude darum, zu fragen, was der Arzt für seine Bemühungen bekommt.

Der Doktor winkte lachend ab und antwortete "Ein Gebet für ihn in Santiago-de-Compostela sei da völlig ausreichend."

 

Danke Dr. Roumas, an diese Schuld werde ich mich sicherlich erinnern und sie gerne einlösen.

 

Nach dem Arztbesuch gingen wir direkt in die örtliche Apotheke um die verordneten Medikamente zu holen.

Anschließend überquerten wir den Dorfplatz.

Hier saßen bereits die beiden luxemburger Weggefährten und Hellmut auf der Terrasse einer Gaststätte.

Wir gesellten uns dazu.

Mit einem großen Eisbeutel vom Wirt auf dem Schienbein und dem einen oder anderen Bier kühlte ich meinen Schmerz äußer- und innerlich.

Hier am Tisch fiel dann auch Jean-Claudes Entscheidung, die da lautete: "In meinem Land, dessen Sprache du nicht sprichst, lasse ich dich mit dem entzündeten Bein nicht alleine. Wenn du in den nächsten Tagen nur kleine Tagesetappen schaffst, laufe ich halt kleine mit".

Eine Entscheidung, an die sich Jean-Claude auch hielt, da sich unsere Wege erst auf spanischen Boden in Navarra trennten sollten.

Gleichzeitig bedeutete diese Entscheidung auch, dass wir uns von Hellmut trennen würden. 

 

Er hatte nur noch 10 Tage Zeit um Pamplona zu erreichen, da er dort einen festen Rückflugtermin gebucht hatte. Sein Ziel war nur mit unverändert großen Tagesetappen realisierbar. 

Nach dem gemeinsamen, faulen Nachmittag auf der Bierterrasse suchten wir am frühen Abend unser Gîte auf, welches ich humpelnd erreichte.

 

Es handelte sich um das alte Gebäude einer Bäckerei, welches zu einer gemütlichen Wohnstätte für Pilger umgebaut worden war.

Nachdem wir unser schönes Dreibettzimmer mit eigenem Bad bezogen hatten, wurde uns immer deutlicher klar, dass dies unser letzter gemeinsamer Abend werden würde.

 

Eigentlich hatten wir gemeinsam geplant, nach Überquerung der Pyrenäen, in Roncesvalles, bei einem guten Rotwein eine dicke Abschiedszigarre zu rauchen, da ich mich bald darauf in Richtung Atlantik verabschiedet hätte.

 

Daraus würde wohl jetzt nichts mehr werden.

 

Aber wir hatten die Rechnung ohne Hellmut gemacht. Er hatte tagsüber irgendwo ein paar Zigarillos und in der Unterkunft eine Flasche Wein organisiert. Im Hof der Unterkunft erklärte er uns in der letzten Abendsonne feierlich bei Rotwein und Zigarillo zu Freunden seines Jakobsweges 2015.

 

Irgendwie ein rührender Abschluss für diesen Sch...tag. 

Anschließend ging es zum Abendessen mit den anderen Pilgern, die im Hause untergekommen waren.  Es wurde wieder aufgetischt, was das Zeug hielt.

 

Aus einer riesigen tönernen Schüssel gab es als Vorspeise einen Salat, bestehend aus Tomaten, grünem Salat, Gurken, Eiern, Lachs, Muscheln, feuriger Salami und Rotebeete.

 

 

Danach gab es aus einer weiteren glühendheissen Tonschüssel gelben Reis mit gebratenen Tomatenscheiben und butterzart gegarten Rindfleischstücken. 

Zum Dessert gab es eine große Platte mit unterschiedlichen regionalen Süßspeisen, die mit einer Art Eierlikör übergossen waren.

Hier wurde selbst ich als gestandener "Nichtkuchenesser" schwach und holte mir einen köstlichen Nachschlag.

Soviel ich aus dem Sprachgewirr entnehmen konnte, handelte es sich bei der gesamten Speisefolge um typische baskische Gerichte.

Das Abendessen war sehr unterhaltsam und es wurde viel gelacht.

 

Der Hospitalero "Tonio", ein Portugiese, erzählte von seinem interessanten Lebenslauf:

Er war als junger Mann in einen Mönchsorden eingetreten. Nach einigen Jahren stellte er fest, dass das Klosterleben für ihn nicht wirklich das Richtige sei.

So trat er vor 15 Jahren aus dem Orden aus und legte das Gelübde ab, fortan seine Schaffenskraft dem Wohle der Pilger auf dem Jakobsweg zu widmen.

Er zog mehrere Jahre selber auf den unterschiedlichsten Jakobswegen wandelnd durch die Welt, um Gottes Wort zu verbreiten.

Gegenwärtig sähe er seine Aufgabe darin, den vorbeikommenden Pilgern eine Herberge zu gewähren, in der man sich geborgen fühlen und neue Kräfte schöpfen kann. 

 

Ein schöner Schlussgedanke für diesen Tag. Hier war es wirklich schön, ruhig, ich fühlte mich wohl und nach einer Tablette des neu verordneten Medikaments fiel ich in einen tiefen, festen Schlaf.