Tag 70. Von Lectoure nach Condom

Am 01.09.2015

Strecke 34 Km (Gesamt 1709 Km)

Wir hätten am Morgen fast verschlafen, da wir erst gegen 07:30 Uhr aufwachten. Nach einer "Katzenwäsche" ging es zum Frühstück.

Von Isabelle erfuhren wir, dass sich das gestrigen Unwetter über weite Teile des französischen Pyrenäenvorlandes erstreckt hatte. An vereinzelten Orten habe es Tornados und sogar Tote gegeben.

In Anbetracht des gestrigen Abends hatte ich keinerlei Zweifel an ihrer Erzählung.

Auf unsere Bitte hin, vermittelte uns Isabelle eine Unterkunft im nächsten Etappenort Condom. Hier betrieb ihre Freundin Charlotte ihr eigenes Gîte.

Nach dem Frühstück wurden wir von Isabelle verabschiedet und wir machten uns auf den Weg in einen zunächst grauen Tag. Überall waren die Spuren des gestrigen Unwetters zu sehen. In den Straßen Lectoures lagen überall abgebrochene Äste, verwehte Gegenstände, zersplitterte Glasscheiben und Dachpfannen herum.

Über aufgeweichte Lehmwege ging es ständig bergauf und bergab.

An zahlreichen Stellen mussten wir über umgestürzte Bäume oder abgebrochene Baumteile klettern oder diese Umgehen. Der heutige Weg war sehr beschwerlich. Oftmals war man nach ein paar Schritten ein paar Zentimenter größer, da sich der zähe, nasse Lehm unter den Schuhsohlen feststetzte. Ich war für jedes nasse Grasbüschel am Wegesrand dankbar, bot es doch die Möglichkeit, die Schuhsohlen ein wenig von Matsch zu befreien. Und der lehmige Untergund wurde durch zwei - drei Regenschauer immer wieder auf's Neue angefeuchtet.

Auf dem beschwerlichen Weg passierten wir einen einsamen Baum, an dem ein "Baumdoktor" seine Kunst in einer bisher nie gesehenen Art ausgeführt hatte. Offensichtlich war der Stamm in seinem Inneren einmal von Fäule oder einem Pilz befallen. Der Stamm war innen ausgebrannt und dann mit großen Steinen aufgefüllt worden.

Seltsam, aber offensichtlich wirkungsvoll.

In Anbetracht des Zustandes der heutigen Wege wichen wir vom eigentlichen Hauptweg über La Romieu ab und wählten eine kürzere Variante. Wir folgten einem mit Feinsplitt belegten Fahrweg, immer entlang des Baches "l'Auvignon". Hier kamen wir gefühlsmäßig erstmals am Tag richtig voran.

In Höhe des Örtchens Castelnau stiegen wir steil bergan, um in Castelnau das Gîte

"Les Arroucasses" zu erreichen.

 Hier war weit und breit die einzige Möglichkeit, einen kleinen Imbiss und eine Erfrischung zu sich zu nehmen. 

Allmählich klarte auch das Wetter auf und das Weitergehen fiel, zumindest moralisch, wesentlich einfacher.

Wir passierten die alte, romanische "Chapelle St-Germaine"

In der Folge besserten sich die Wege und in offener Landschaft wanderten wir, gut voran kommend, auf Condom zu.

Irgendwann kam, in einem seichten Tal, endlich die Kathedrale von Condom in Sicht.

 

Schon sehr bald hatten wir daraufhin die Stadt erreicht.

 

 

 

Direkt am Stadteingang stießen wir auf das Gîte "Champs de Etoille", in dem wir angemeldet waren.

Hier wurden wir von der Hospitalera Charlotte freundlich empfangen. Sie kümmerte sich auch direkt um unsere Wäsche, die von ihr gewaschen wurde.

Ich unternahm mit Hellmut noch einen kleinen Abendspaziergang durch die Stadt. Leider war die Kathedrale in Vorbereitung eines Gottesdienstes geschlossen und konnte nicht besichtigt werden.

 

 

 

Im Anschluss gingen wir wieder zurück zum Gîte. Die Wäsche war inzwischen durchgelaufen und wir hingen sie in der letzten Abendsonne zum Trocknen auf.

 

Das Abendessen gab es heute in der Unterkunft. Beim Essen trafen wir auf eine junge Einzelpilgerin aus Lausanne / CH und eine ältere, wettergegerbte Einzelpilgerin aus Toulouse.

Charlotte hatte eine schmackhafte Gemüsecremesuppe zubereitet. Danach wurde kalter Braten mit einem erfrischenden Bulgursalat gereicht. Zum Abschluss gab es einen Schokoladen-Kekskuchen mit Apfelkompott.

Erst jetzt gesellte sich ein weiterer Gast des Hauses zu uns. Es war ein sehr junger Pilger, der für mehrere Tage seine Fußprobleme bei Charlotte auskurierte. Was wir vom Essen übrig gelassen hatten, putzte er in Windeseile in sich hinein.

 

Nachdem der letzte Tropfen Rotwein geleert war, tasteten wir uns noch durch den weitläufigen, unbeleuchteten Garten, um unsere Wäsche abzunehmen. Danach ging es ins Bett. Wieder einmal stand Hellmut und mir ein Vierbettzimmer zur alleinigen Verfügung.