Tag 69. Von St. Antoine nach Lectoure

Am 31.08.2015

Strecke 24 Km (Gesamt 1675 Km)

Nach einer gut durchschlafenen Nacht begaben wir uns schon im Morgengrauen zum Frühstück, die Ruck- säcke waren bereits gepackt.

Mit Sonnenaufgang verließen wir unser Gîte in Richtung Lectoure.

Im ständigen sanften bergab und bergauf ging es über Feld- und Fahrwege zunächst in Richtung Flamarens, einem kleinen Ort mit einer Schlossruine aus dem 15. Jahrhundert und einer stark verfallenen gothischen Kirche.

Weiter ging es durch den Ort Miradoux, der ältesten Bastide des heutigen Departements Gers. Hier frischten wir in einem kleinen Supermarkt unsere Vorräte ein wenig auf.

Hinter Miradoux ergaben sich einige Fernblicke über die sanft gewellte

Agrarlandschaft der Gascogne, mit ihren riesigen Getreide- und Sonnenblumenfeldern.

Vorbei an der weithin sichtbaren Schlossruine von Gachepouy führte uns der Weg ins Örtchen Castet-Arrouy. Mittlerweile hatte sich der Himmel völlig zugezogen und es wurde unangenehm schwül.

Wir gerieten beide ins Schwitzen und legten deshalb in Castet-Arrouy eine Erfrischungspause ein. Diese sollte jedoch nicht allzu lange andauern, da aus der Ferne bereits ein Donnergrollen zu hören war.

Kaum, dass wir den Weg fortgesetzt hatten, überraschte uns ein erster heftiger Regenschauer. Da wir uns auf einem Trampelpfad entlang der D23 inmitten von Feldern befanden, gab es keinerlei Möglichkeit sich unterzustellen. Wir zogen zunächst die Regenhauben über die Rucksäcke. Nachdem das erledigt war, waren wir bereits so durchnässt, dass das Anziehen von Regenkleidung völlig sinnfrei gewesen wäre. Also stapften wir klitschnass weiter durch den Regenschauer, der zum Glück auch sehr bald wieder endete. Auf dem weiteren Weg nach Lectoure trocknete unsere Kleidung. Der Himmel blieb jedoch grau und es grollte unentwegt aus der Ferne.

Am Ortseingang von Lectoure wurden wir von einem Gartenpavillon begrüßt, der vollständig aus alten Wurzeln und Stroh errichtet wurde. Im Laufe der Jahre hatte sich auf dem Dach Moos angesetzt und irgendwie wirkte die kleine Behausung auf mich mystisch und verwunschen. Im Zusammenspiel mit dem angrenzenden verwilderten Garten erwartete ich dort Feen, Trolle, Druiden oder ähnlichen Sagengestalten zu erblicken- es war eben ein langer und heißer Tag.

Bald fanden wir auch das Gîte "Etoile Occitane", in dem wir uns angemeldet hatten. Ich war von der Unterkunft sehr überrascht. Hinter dem Haupthaus direkt an der Straße gab es ein parallel angelegtes Hinterhaus.

Der Raum zwischen den Häusern war überdacht. So konnte man die ebenerdige Gemeinschafts-küche im Hinterhaus sowie die Duschen/Toiletten im 1. OG (über einen Steg) auch bei schlechten Wetter trocken erreichen.

 

Die Hospitalera Isabelle sprach ein gutes Englisch und war sehr bemüht und freundlich. Die Dekoration der Gemeinschaftsräume ließ ihre deutliche Affinität zur indischen Kultur erkennen. So war es auch nicht verwunderlich, dass ihr Bekannter, offensichtlich indischer Herkunft, ayurvedische Massagen (für Pilger kurzfristig am gleichen Tag) anbot. 

Nachdem wir unser riesiges Zimmer bezogen hatten, ging ich gemeinsam mit Hellmut noch eine kleine Runde durch die Stadt.

Wir besuchten die Kathedrale und das Fremdenverkehrsbüro, um uns dort unsere Stempel abzuholen. Bald hatten wir in dem kleinen Ort, in dem es nur eine Hauptstraße gibt, alles gesehen.

Die Abendsonne tauchte den bedeckten Himmel in ein unwirkliches Licht.

 

Stille machte sich breit. Der Begriff "die Ruhe vor dem Sturm" kam in meine Gedanken.

 

Ich sollte mich nicht getäuscht haben: Von einer Minute auf die andere herrschte auf einmal Chaos. Es regnete buchstäblich in Strömen, Stühle von Gaststätten flogen umher, Scheiben gingen im Sturm zu Bruch und Dachpfannen fielen auf die Straße. Wir flüchteten uns gerade noch rechtzeitig in das kleine gemütliche Restaurant direkt gegenüber dem Gîte, da wir dort unser Abendessen bekommen sollten. Die Türe des Restaurants musste abgeschlossen werden, da der Regensturm sie immer wieder aufdrückte. Ein derartiges Unwetter hatte ich bislang nur sehr selten erlebt.

Abgesehen von der Tatsache, dass gegen die Schaufensterscheibe des Restaurants der Regen trommelte und in einem geschlossenen Wasserfilm ablief, ging es innerhalb sehr gemütlich zu. Die elektrische Beleuchtung flackerte zwar einige Male bedenklich, aber die Wirtin stellte in ihrer lässig französischen Art einfach überall Kerzen auf. Sie vermittelte Ruhe und Gelassenheit und servierte ein vorzügliches Essen, bestehend aus einer Blätterteigtarte mit Sardellen und Parmesan, einem Rindergulasch mit Kartoffeln und einer kleinen Käseauswahl zum Abschluss. Außerdem kostete ich hier erstmals in meinem Leben vom "Floc de Gascogne", einem köstlichen Apperitiv bestehend aus unvergorenem Traubenmost und Armagnac. 

Gesättigt traten wir, im schwächer werdenden Regen, unseren kurzen Heimweg über die Straße an.

Die restlichen Betten in unserem riesigen Schlafraum wurden im Laufe des Abends nicht weiter belegt. Es sollte somit eine ruhige Nacht werden.